Von Gewalt, Moral und Diskreditierung

Die ansonsten von mir sehr für ihre kluge Analyse der Neuen Rechten im Allgemeinen und der AfD im Besonderen geschätzte Liane Bednarz hat sich nach den G20-Demos in Hamburg und insbesondere nach den Vorfällen auf der Frankfurter Buchmesse auf ein neues Lieblingsthema eingeschossen. Seitdem verfolgt sie seit Monaten mit wechselnden Beispielen, aber immer mit derselben These das Ziel, „die Linke“ bzw wegen der Differenzierung natürlich nur bestimmte, meist namentlich benannte Personen als moralisch unredlich zu beschreiben.

Der Grund liegt für sie darin, dass sie eine moralische Doppelzüngigkeit findet: „rechte Gewalt“ wird von diesen Personen regelmäßig scharf angegriffen, „linke Gewalt“ hingegen nicht, sondern in der Regel mit Schweigen bedacht oder gar relativiert. Das betrifft mich auch, denn auch ich tue das, kann ja jeder nachlesen. Das macht ihrer Meinung nach diese Personen und ihre Haltung zu einer moralisch doppelzüngigen mit doppelten Standards.

Diese These wiederholt sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit und auf jedem Medium, geht allerdings nicht auf Gegenargumente ein. Leichter gemacht wird die Debatte nicht dadurch, dass eine im Grundsatz als Sachdebatte geführte Debatte durch den Wechsel auf die moralische Ebene eine auf der persönlichen Ebene wird. Aber das nur als Vorrede zum Widerspruch.

Zunächst stellt sich angesichts der These die Frage nach einer universellen Moral. Moralische Wertungen und die eigene Sicht auf ein Geschehen sowie dessen Bewertung sind subjektiv, mitunter sehr unterschiedlich und immer geprägt von eigenen Erfahrungen und einer eigenen Sicht auf die Welt. So etwas wie eine universelle Moral oder eine richtige Weltanschauung gibt es nicht und kann es auch nicht geben, selbst wenn die konservative Seite eine homogene(re) Gesellschaft wünscht. Schon auf dieser Ebene ist die These der moralischen Doppelzüngigkeit sehr fragil, denn sie urteilt über Menschen ohne diese subjektive Sicht zu berücksichtigen und auch gar nicht berücksichtigen zu wollen.

Dann muss sie noch ein weiteres Kunststück vollbringen, nämlich die Ereignisse, auf die sich das moralische Werturteil gründet, von jeglicher Umgebung zu entkleiden und sie als Einzelereignisse zu sehen, ganz als ob es keine Vorgeschichte und auch keine Wechselwirkungen gebe. Dann sieht man natürlich nur böse Sachbeschädigungen an Büchern des antaios-Verlags, eine niedergebrüllte Lesung oder eine furchtbare Demo, die ganz martialisch wirkt. Als besonderen Bonus kann man sich dann nur auf die eigene Wahrnehmung beschränken und alles andere, was man selbst nicht wahrgenommen hat, ausblenden. Das ergibt dann ein sehr pures Bild – nur eben ein Zerrbild einer sehr viel komplexeren Wirklichkeit. Aber ist es wirklich intellektuell redlich, sich auf einen kleinen Ausschnitt der Realität zu beschränken und darauf aufbauend ein Werturteil über Personen zu fällen? Wohl eher nicht. Insbesondere, wenn man den vorigen Kritikpunkt bedenkt.

Aber auch diese beiden intellektuellen Kunststücke reichen nicht für die Konstruktion des Vorwurfs aus, es bedarf noch eines weiteren Kunststücks. Dazu schaut sich Liane Bednarz nur die Handlungen an und ignoriert die Intentionen und Ziele der handelnden Personen. Das ist insbesondere deshalb schon erstaunlich, weil sie ja selbst weiß und analysiert, mit welchen Zielen und Strategien die Neue Rechte handelt und dass ihre zur Schau getragene Friedfertigkeit Teil einer Doppelstrategie ist, die mitnichten auf Gewaltfreiheit angelegt ist und auch nicht die Teilnahme an intellektuellen Diskussionen als alleinigen Zweck hat. Das hat sich ja sogar auf der Buchmesse gezeigt, nur eben am Tag vor der niedergebrüllten Lesung. Auch Liane Bednarz ist sehr wohl bewusst, das kritisiert sie ja gerade an den Vorgängen um die Proteste gegen G20, dass Sprache und Handlungen in einem engen Zusammenhang stehen. Aber wenn man das beiseite lässt ist Gewalt gegen Rechte, die genau diese Strategie stören soll das gleiche wie Gewalt der Rechten mit dem Ziel, ihre Gegner auszuschalten. Bei beiden Fällen handelt es sich schließlich um Gewalt, die man natürlich gleichermaßen zu kritisieren habe. Und wer dabei vor seinem eigenen moralischen Urteil nach Zielen fragt, die Häufigkeit von Fällen einbezieht und versucht, einen breiteren Blick auf die Realität zu behalten als Liane Bednarz macht sich natürlich der moralischen Doppelzüngigkeit schuldig und ist – so schrieb sie in einem der ersten von sehr vielen Posts auf Facebook zum gleichen Thema – auch kein akzeptabler Verbündeter mehr in Auseinandersetzungen mit den Rechten.

Daneben fällt noch auf, dass jede Auseinandersetzungen mit den eigentlichen Positionen und Argumenten unterbleibt und dass sich die Debatte auf die Diffamierung der Personen beschränkt und gar nicht versucht, Widerlegungen zu finden. Ob eine so geführte Auseinandersetzung einem Debattenklima so viel förderlicher ist als das Niederbrüllen von Lesungen könnte man bei der Gelegenheit auch einmal debattieren, sogar ganz ohne moralische Werturteile über Personen zu fällen.

Abschließend stellt sich die Frage, ob gerade Moral das geeignete Kriterium für die Beurteilung von Handlungen oder Schweigen ist. Es gäbe ja in der Tat andere Mittel der Kritik.