Der Obrigkeitsstaat kommt wieder

In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten. Also bis heute noch, nachdem die neue CDU-FDP Landesregierung beschlossen hat, diese wieder abzuschaffen und das Parlament heute der Abschaffung zugestimmt hat. Die Gründe dafür sucht man in der Gesetzesbegründung vergebens, das Innenministerium hat sich gar nicht erst bemüht, eine adäquate Begründung zu liefern. Sachliche Gründe sind noch seltener gesät.

Die Bedenken, die gegen eine Kennzeichnung von Polizisten vorgebracht wurden, sind ebenso bekannt wie sie sich jenseits der Realität bewegen. In Berlin gipfelten sie in der Panik der DPolG, die versuchen wollte, mit Sicherheitsbedenken gegen die Schildchen zu argumentieren – weil man sich an denen mit den scharfen Kanten verletzen könnte. Das hat sie mit einem Eisbein versucht zu demonstrieren*. Die Zahl der Fälle von Selbstverletzung ist dabei seit 2011 ist in etwa genauso hoch wie die (anderes Argument) der wegen der Kennzeichnung privat bedrohten Polizisten – genau null. Auch alle anderen Bedenken, die immer wieder gegen eine Kennzeichnung vorgebracht werden, haben sich nicht bestätigt. Immerhin hätte die Datenbasis für einen Beweis ausgereicht, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen haben die Kennzeichnungspflicht inzwischen eingeführt.

Letztendlich handelt es sich nur um eine Form konservativer Identitätspolitik, wie auch der NRW-Innenminister indirekt bestätigt. Danach sei eine Kennzeichnung ein „Generalverdacht gegen Polizisten (sic!)“, diese bräuchten statt dessen „Bestätigung“. Ein Argument, das die CDU natürlich für Bürger*innen nicht gelten lässt, dort wird eine möglichst weit gehende Überwachung mit Videokameras und der Telekommunikation gefordert. Es ist eigentlich ein Stück aus dem Tollhaus, dass Staatsorgane sich gegen einen angeblichen Generalverdacht wehren und die anonyme Ausübung der Staatsgewalt praktisch ohne Konsequenzen fordern, aber alle Bürger*innen zu potentiellen Straftäter*innen erklären. Wovon natürlich auch die Polizeibeamt*innen umfasst sind. Dieses Misstrauen stört weder die Polizist*innen noch den Innenminister, die Polizeigewerkschaften schon gar nicht.

Und so bleibt es dabei, dass Polizist*innen als anonyme Wesen den Bürger*innen gegenüberstehen und gerade bei Massenveranstaltungen kaum je befürchten müssen, erkannt zu werden, geschweige denn, dass Konsequenzen für Straftaten zu befürchten sind. Ein Staatsverständnis, das für die Exekutive anonyme Machtausübung gegenüber Bürger*innen, die zu gehorchen und zu dulden haben, entspricht eher dem 19. als dem 21. Jahrhundert. Es mag in den praktischen Auswirkungen nicht zu großen Unterschieden kommen, für das Verhältnis zwischen Bürger*innen und Staat ist es ein schwarzer Tag und ein Schritt in Richtung anonymer Obrigkeitsstaat.

*Dabei hat sie offensichtlich nicht an gewisse Assoziationen zwischen Beamt*innen und Borstentieren in der eher linken Szene gedacht.

Denken wir Tegel neu …

oder überhaupt zum ersten Mal. Denn so wie sich die FDP verhält, hat sie das vor dem Volksbegehren nicht getan*.

Dazu stellen wir uns vor, dass der Senat wirklich die Forderungen der FDP erfüllen will (warum auch immer er so dumm sein sollte) und Tegel offen halten wollen. Dazu müssten ein paar Dinge geschehen – Änderung der Landesplanung, Widerruf von Bescheiden, Sanierung des Flughafens und so weiter. Und um die geht es jetzt, allerdings nicht alle in diesem Post. Alle Annahmen hier sind so optimistisch wie überhaupt nur möglich, insbesondere die Abschätzungen der Zeiträume für Planungen und den Erlass der notwendigen Bescheide sowie die Annahme, dass die Rechtsakte rechtmäßig sind und nicht von Gerichten gekippt werden. Die nächste Annahme ist, dass der BER nicht wie derzeit geplant 2019 oder Anfang 2020 eröffnet, denn damit wäre Tegel endgültig geschlossen, bevor auch nur die erste Bedingung für die Offenhaltung erfüllt wäre – die Änderung der Landesplanung.

Dazu fangen wir am Anfang an – bei der Landesplanung. Die besteht gemeinsam zwischen Berlin und Brandenburg, beruht auf einem Landesentwicklungsplan (LEP) (die anderen Raumordnungspläne lassen wir mal außen vor, es ist so schon kompliziert genug, sie müssten auch geändert werden) und wurde durch einen Staatsvertrag vereinbart. Diese sieht einen Flughafen für die Region vor und zwar am Standort Schönefeld. Da ein Flughafen keine zwei sind und Tegel nicht in Schönefeld liegt, stört die Landesplanung und müsste weg. Denn der auf dem LEP beruhende Widerruf der Betriebsgenehmigung für Tegel dürfte nicht wegfallen, wenn ein Weiterbetrieb von Tegel der Landesplanung widerspricht. Das geht auf zwei Wegen, beide sind mit Vor- und Nachteilen behaftet.

Der erste Weg besteht aus einer Änderung des LEP, denn was man einmal geplant hat, kann man auch umplanen. Allerdings, das müsste gemeinsam geschehen und so wie es aussieht, hat Brandenburg keine allzu große Lust dazu. Schließlich würden dann nicht nur die südlichen Umlandgemeinden sondern auch noch die nördlichen Umlandgemeinden weiterhin mit Fluglärm belastet. Unterstellt, Brandenburg würde einer Änderung zustimmen, stellt sich die Frage, wieso eigentlich nur zwei Flughäfen in der Region betrieben werden sollen und nicht drei oder vier. Cottbus und Eberswalde-Finow haben schließlich auch Verkehrslandeplätze, die sich als Flughafen eignen würden und für die sich beispielsweise Ryanair sehr interessieren könnte. Brandenburg hätte daran sogar ein Interesse, denn die Gewerbesteuereinnahmen aus Cottbus und Eberswalde blieben komplett in Brandenburg, während die aus Tegel in Berlin bleiben. Es gibt eigentlich genau gar keinen Grund für Brandenburg, einem isolierten Weiterbetrieb von Tegel zuzustimmen.
Ryanair würde sich über zusätzliche Flughäfen auch freuen, das bietet die Möglichkeit, die Flughafenbetreiber gegeneinander auszuspielen um weniger Gebühren zu zahlen. Ein Problem damit hätte nur Berlin, denn absehbaren Verlusten aus dem Betrieb von BER und Tegel stünden keine Einnahmen gegenüber.

Wenn dann der LEP geändert ist, werden mit Sicherheit einige Gemeinden und Verbände dagegen klagen – und zumindest das Inkrafttreten verzögern. Mit einem rechtskräftigen neuen gemeinsamen Landesentwicklungsplan wäre dann in etwa im Jahr 2023 zu rechnen. Bis dahin dürfte der BER nicht eröffnen, denn sonst wäre Tegel endgültig geschlossen. Denn ein neuer LEP würde den Widerruf der Betriebserlaubnis nicht beseitigen, ohne Betriebserlaubnis darf Tegel allerdings nicht betrieben werden. Ob überhaupt ein neuer gemeinsamer LEP verabschiedet werden kann, hängt wesentlich von Brandenburg ab. Die Zukunft bliebe also ungewiss.

Die zweite Möglichkeit, den LEP zu ändern besteht in der Kündigung des Staatsvertrags. Das ist im Staatsvertrag vorgesehen, mit einer Frist von drei Jahren zum Jahresende. Dazu bedürfte es keiner Zustimmung Brandenburgs, das kann Berlin im Alleingang durchsetzen. Würde Berlin den Vertrag heute (bzw. vor dem 31.12.2017) kündigen, wäre die Kündigung wirksam zum 31.12.2020. Am 1.1.2021 könnte Berlin dann einen eigenen LEP aufstellen. Während die Klagemöglichkeiten dagegen dieselben sind, sind die Risiken deutlich größer. Der Wegfall des LEP ließe die Begründung entfallen, wieso Cottbus und Eberswalde keine Genehmigung als Flughafen erhalten dürfen, sie würden also zum 1.1.2021 eine Genehmigung beantragen und wohl auch erhalten. Es dürfte auch schwer zu verargumentieren sein, wieso der Brandenburger LEP mit der Planung eines Flughafens für die Region unbedingt weitere Flughäfen verhindert, wenn die Realität durch die Offenhaltung von Tegel bereits mehr als ein Flughafen bedeuten würde.
Berlin hat wahrscheinlich keine Möglichkeiten, die Genehmigung weiterer Flughäfen zu verhindern, schließlich hat man mit der Kündigung des Staatsvertrags die gemeinsame Landesentwicklungsplanung mit Brandenburg aufgegeben.

Problematisch wäre hier allerdings, wenn der BER eröffnet wird, bevor überhaupt die Kündigung des Staatsvertrags wirksam geworden ist. Dann wäre Tegel endgültig geschlossen und Cottbus und Eberswalde könnten als Flughäfen eröffnen, es sei denn, Brandenburg würde das verhindern. Aber: wieso sollte Brandenburg das tun?
Auf den BER hätte die Kündigung des Staatsvertrags und die Aufhebung des LEP in Berlin vermutlich keine Wirkung, es sei denn, Brandenburg hebt den LEP ebenfalls auf, ohne einen neuen zu erlassen.

Mit der sofortigen Kündigung des Staatsvertrags (bzw. der Kündigung rechtzeitig vor dem 31.12.2017) und der Verabschiedung eines eigenen LEP 2021 sowie den darauf folgenden Klagen hätte man vermutlich frühestens 2024 einen rechtskräftigen LEP, es würde also länger dauern als eine schnelle Verhandlungslösung mit Brandenburg. Dafür ist das Vorgehen deutlich stärker risikobehaftet. Und bis dahin dürfte der BER nicht eröffnet haben.

Das Ergebnis: man hätte frühestens 2023 oder 2024 eine neue Landesplanung, die mehr als einen Flughafen zulassen würde. Vielleicht würde diese aber auch mehr Flughäfen erlauben. Aber auch mit einer bloßen Landesplanung wäre Tegel noch nicht endgültig offen gehalten, dazu bedürfte es noch weiter Akte. Und der BER dürfte nicht eröffnet haben. Ist das realistisch? Aus heutiger Sicht nicht. Zwar wird immer wieder betont, dass man sich beim BER ja keiner Termine sicher sein dürfe, allerdings wird er eine Verschiebung um weitere (insgesamt dann eher 7-10 Jahre) nicht überleben.

Weiter geht es dann mit dem „Widerruf des Widerrufs der fiktiven Betriebsgenehmigung“.

* Die weniger freundliche Vermutung ist, dass die FDP das alles weiß und durchdacht hat, dass es ihr egal und die eigene taktische Rolle als „Stimme des Bürgers“ wichtiger ist als die Verantwortung für die Stadt.

Das „Meinungsfreiheitsgesetz“ der AfD im Schnellcheck

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz hat für viele, auch teilweise sehr aufgeregte Diskussionen, gesorgt. Das nahmen AfD Mitglieder zum Anlass, ein Gesetz zu schreiben, um zu zeigen, wie es angeblich besser geht. Das Gesetz zeigt vor allem eines: einen eklatanten Mangel an Kompetenz der Autoren Maximilian Krah und Joachim Steinhöfel. Dann geht es mal wieder zum beliebten Check, was da eigentlich drin steht und was ich davon halte.

In aller Kürze: Der Anwendungsbereich ist schlampig formuliert und bleibt unklar, ansonsten wird viel ins Gesetz geschrieben, was sowieso geltende Rechtslage und selbstverständlich ist und das, was darüber hinaus geht ist extrem fragwürdig oder offen rechtswidrig. Die Vermutung, dass die AfD sowohl ein Problem mit der Verfassungsmäßigkeit ihrer Ideen als auch mit der (juristischen) Kompetenz ihrer Mitglieder hat, bestätigt sich.

Gesetz zur Gewährleistung freier Rede und Einhaltung straf- und zivilrechtlicher Vorschriften in den sozialen Netzwerken (Meinungsfreiheitsgesetz – MfG)
§ 1 Anwendungsbereich

Dieses Gesetz gilt für soziale Netzwerke. Dies sind Telemediendiensteanbieter, die mit Gewinnerzielungsabsicht im Inland Plattformen im Internet betreiben, die es Nutzern ermöglichen, beliebige Inhalte mit anderen Nutzern auszutauschen zu teilen oder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Hier haben sich die Autoren erkennbar nur wenig Mühe gegeben und den ersten Teil des Anwendungsbereichs aus dem NetzDG kopiert und dabei die Verbesserung späterer Entwürfe beiseite gelassen. Vermutlich weil man sich nicht mehr um eine Aktualisierung gekümmert hat.

Eine kleine, aber bedeutende Veränderung gibt es doch: der Gesetzentwurf beschränkt sich auf Anbieter, die soziale Medien im Inland betreiben. Da stellt sich die Frage, wann das der Fall sein soll. Im Internet betreibt man ja grundsätzlich jeder Dienste weltweit. Soll es sich wirklich um Dienste handeln, die nur im Inland betrieben werden, macht der Zustellungsbevollmächtigte im Inland nur wenig Sinn. Soll es sich um Dienste handeln, die zwar weltweit betrieben, aber eben auch gezielt für das deutsche Inland ausgestaltet sind, wäre die Formulierung merkwürdig. Überdies wird die Werbung und damit die Gewinnerzielungsabsicht in der Regel über Netzwerke geschaltet, die diese auf den Standort des Nutzers anpassen, daher handelt jeder Anbieter an jedem Standort in der Regel mit Gewinnerzielungsabsicht.

Hier hat sich jemand wenig Gedanken um Formulierungen gemacht, wenn ein Gesetzentwurf schon einen vollkommen unklaren Anwendungsbereich hat.

Schlicht vergessen hat man, journalistische Publikationen aus dem Anwendungsbereich auszunehmen, wie es das NetzDG in § 1 tut. Das ist ziemlich sicher kein Versehen und hebelt so die Privilegierungen der Presse gegenüber anderen kommerziellen Anbietern ohne eigene redaktionelle Tätigkeit aus. Das dürfte ziemlich sicher zur Verfassungswidrigkeit des Gesetzentwurfs führen, soweit er sich auf journalistische Angebote bezieht.
Es fehlt ebenfalls die Bagatellklausel, was dazu führt, dass jedes kleine Bulletinboard oder Forum, das Werbung einbindet oder jedes Startup sofort unter das Gesetz fallen. Die AfD scheint zu glauben, dass das nicht so schlimm wäre, da das Gesetz ja entschärft ist.

§ 2 Inländischer Zustellungsbevollmächtigter

Anbieter sozialer Netzwerke haben für Zustellungen in Deutschland in ihrem Impressum einen Zustellungsbevollmächtigten im Inland zu benennen.

Auch hier haben sich die Autoren keine Mühe gegeben und das NetzDG kopiert. Zusammen mit dem Fehlen einer Bagatellklausel führt das dazu, dass bei entsprechender Auslegung des Anwendungsbereichs auch jeder winzige Anbieter eines Forums auf einer Pazifikinsel einen inländischen Zustellungsbevollmächtigten benennen müsste. Wenn man das denn durchsetzen könnte. Es würde sich also ein gigantischer Markt für Zustellungsbevollmächtigte entwickeln.

§ 3 Haftung für rechtswidrige Inhalte Dritter
Anbieter sozialer Netzwerke haften auch für von Dritten eingestellte rechtswidrige Inhalte, wenn sie diese nach Kenntnis nicht unverzüglich entfernen.

Das ist bereits geltende Rechtslage und steht auch – freilich negativ formuliert – im TMG. Das kann man natürlich auch in ein anderes Gesetz schreiben, aber: warum?
Wozu sich der AfD-Entwurf nicht verhält: geht es um die Kenntnis der Inhalte oder Kenntnis der Rechtswidrigkeit?
Spannend daran: während sich das NetzDG auf eine Auswahl von wenigen Tatbeständen beschränkt, erweitert dieser Entwurf die möglichen Inhalte auf alle Arten rechtswidriger Inhalte. Für die natürlich jetzt auch schon eine Löschverpflichtung besteht.

§ 4 Haftung für Löschungen und Sperrungen
(1) Anbieter sozialer Netzwerke können auf Unterlassung in Anspruch genommen werden, wenn sie Inhalte Dritter entfernen, deren Veröffentlichung nicht gegen deutsches Recht verstößt.
(2) Anbieter sozialer Netzwerke können auf Unterlassung und Schadensersatz in Anspruch genommen werden, wenn sie Profile Dritter löschen oder befristet sperren, soweit der betroffene Dritte deutsches Recht nicht verletzt hat.
(3) Die Vorschriften der Abs. 1 und 2 gelten dann nicht, wenn der betroffene Dritte die AGB (Gemeinschaftsregeln) des sozialen Netzwerks verletzt hat und die AGB ihrerseits rechtmäßig sind. Dies gilt dann nicht, wenn das soziale Netzwerk eine marktbeherrschende Stellung hat.

Jegliches Nutzungsverhältnis mit sozialen Netzwerken beruht auf einem Vertrag. Die AfD stellt hier die … äh … bemerkenswerte Regel auf, dass der Verstoß gegen vertragliche Pflichten zum Schadensersatz berechtigt. Ein tiefer Blick in das BGB bestätigt, dass dies schon seit 1900 geltende Rechtslage ist. Schwerer dürfte es sein, den Schaden geltend zu machen, der durch das Löschen eines grenzwertigen Meinungsbeitrags entsteht. Auch spannend ist, welche „Profile Dritter“ gemeint sind, schließlich handelt es sich ja um ein Vertragsverhältnis zwischen Nutzer und Anbieter, ein „Dritter“ findet sich dort nicht. Vermutlich sind Nutzer gemeint.
Bemerkenswert wird der Absatz 3. Danach gilt grundsätzlich der Vorrang der AGB des Anbieters, die freundlicherweise wie bei Facebook gleich „Gemeinschaftsregeln“ wie bei Facebook genannt werden, obgleich Facebook möglicherweise gar nicht in den Anwendungsbereich des Entwurfs fällt. Auch das ist wenig überraschend und allgemeines Zivilrecht und müsste gar nicht in ein Gesetz gegossen werden. Extrem fragwürdig wird dann der Abs. 3 Satz 2, wonach die AGB irrelevant werden, wenn das soziale Netzwerk eine marktbeherrschende Stellung hat. Das ist gelinde gesagt eine Novität in der AGB-Kontrolle. Anders gesagt dürfte es ziemlich sicher rechtswidrig sein, weil damit plötzlich keine AGB mehr zwischen Nutzer und Netzwerk mehr gelten. Inklusive der Gemeinschaftsstandards. Bei oberflächlichem Überlegen verstößt das ziemlich sicher gegen die Art. 12 und 14 GG, wahrscheinlich gegen noch ein paar mehr Grundrechte und Grundsätze des Rechtssystems. Viel rechtswidriger kann man so etwas kaum formulieren.

§ 5 Bagatellklausel
Die Ansprüche aus § 3 MfG können nur dann geltend gemacht werden, wenn die rechtswidrigen Inhalte geeignet sind, die Interessen des Betroffenen spürbar zu beeinträchtigen.

Anders gesagt: man darf schon Rechte verletzen und die Netzwerke haften nicht dafür, wenn sie der Meinung sind, dass es keine spürbare Beeinträchtigung eines Rechts gibt. Dass die „Spürbarkeit“ eines Rechtsverstoß einen Einfluss darauf hat, ob man seine Rechte durchsetzen kann, ist eine ziemlich neue Rechtsfigur. Das klingt nicht wie eine besonders schlaue Idee.

§ 6 Gerichtsstand
Für Klagen aufgrund dieses Gesetzes ist das Gericht zuständig, in dessen Bezirk die Handlung begangen ist.

In diesem Entwurf, der im Vergleich zu seiner Kürze und Inhaltslosigkeit vor dummen Ideen nur so strotzt, ist dies mit Abstand die dümmste. Es handelt sich bei den begangenen Handlungen immer um Handlungen im Internet, die deshalb nach geltender Rechtsprechung überall begangen werden, wo sie wahrgenommen werden können. Damit gilt nach dem GVG sowieso der sogenannte fliegende Gerichtsstand, der aus verschiedenen Gründen heftigerer fachlicher Kritik ausgesetzt ist. Das muss man nicht auch nochmal in ein Gesetz schreiben.  Die Wirkung des fliegenden Gerichtsstands ist jedenfalls bisher nicht meinungsfreiheitsfördernd.

§ 7 Inkrafttreten
(1) Dieses Gesetz tritt am Tag der Verkündung in Kraft.
(2) Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz wird mit Inkrafttreten dieses Gesetzes aufgehoben. Alle etwa aufgrund dieses Gesetzes ergangenen Entscheidungen sind gegenstandslos.

Das ist größtenteils nicht überraschend, auch nicht, dass das NetzDG außer Kraft treten soll, auch wenn die Gesetze eigentlich nicht kollidieren würden, weil das NetzDG andere Inhalte hat. Überraschend ist allerdings, dass alle Urteile aufgehoben werden sollen. Das ist ein eklatanter Bruch mit dem Prinzip der Rechtskraft von Urteilen. Nicht einmal alle Urteile nach NS-Gesetzen wurden pauschal aufgehoben.

Mein letzter Beitrag…

… es war schön mit Euch, aber wahrscheinlich werde ich hier nicht mehr lange überleben. Das Verbrechen wird mich dahinraffen, das kann nicht anders sein. Denn, oh Schreck, nach der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ist

BERLIN DIE UNSICHERSTE STADT DEUTSCHLANDS.

Unsicherer als Frankfurt (sonst immer führend), Leipzig oder gar die friedlichste Oase, München. Also eigentlich kann man hier nicht mehr überleben.

Wer das hier häufiger liest, weiß was jetzt kommt: der alljährliche Rant zur PKS. Einen gab es schon mal hier, den wiederhole ich nicht.

Hier geht es um noch dazu gesteigerte Sinnlosigkeit. Nicht nur, dass die PKS schon zur Erfassung von Kriminalität sinnlos ist, ist sie es erst recht, wenn man damit auch noch die Kriminalität in unterschiedlichen Städten vergleichen will. Und wenn man daraus wie die Welt und der Tagesspiegel auch noch Rückschlüsse auf die Sicherheit ziehen will.

Die Mehrheit der Straftaten geschieht in den folgenden Deliktskategorien: Schwarzfahren, Drogenhandel/Drogenbesitz und Diebstahl (besonders Fahrräder und Taschen). Sicher, es sind Straftaten. Aber: Drogenbesitz und Schwarzfahren sind Kontrolldelikte. Kontrolliert man sie, findet man sie, kontrolliert man sie nicht, finden sich die Taten nicht. Hat sich deshalb die Sicherheit verändert? Nein, nur die Statistik. Wird Berlin weniger sicher in einem der beiden Fälle? Natürlich nicht.

Macht Diebstahl eine Stadt weniger sicher? Naja, sicher ärgerlich, aber wirklich gefährlich ist Diebstahl, abgesehen von Wohnungseinbrüchen, nicht. Und eine Stadt, die attraktiv für Touristen ist, zieht eben auch Diebe an. Hat die Zahl an Straftaten in einer Stadt im Verhältnis zur Zahl der Einwohner etwas mit der Sicherheit zu tun? Nein. Die wirklich gefährlichen Taten (Gefährliche Körperverletzungen, Waffendelikte, Raub, Totschlagsdelikte) finden im Promillebereich statt, die Wahrscheinlichkeit ein Opfer einer derartigen Tat zu werden, ist kaum messbar. Seit jahren sinkt die Rate an Gewaltverbrechen, in diesem Jahr steigt sie leicht – wegen Taten innerhalb von Flüchtlingsunterkünften. Aber unsicherer wird das Leben trotzdem nicht. Aber genau das suggeriert die Berichterstattung um die PKS.

Also werdet ihr wohl auch nächstes Jahr wieder einen Rant zur PKS und der Berichterstattung darüber lesen dürfen. Auch wenn ich ausnahmsweise gerne mal keinen schreiben würde…

 

Facebook und das Löschen

Heute gab es in Würzburg ein Urteil in einer recht spannenden Sache, wobei die Berichterstattung über das Urteil eigentlich mehr Fragen aufwirft als das Urteil beantwortet. Hier versuche ich mal das, was man aus der Pressemitteilung herauslesen kann zu beschreiben, mehr wird in der Urteilsbegründung stehen, die noch nicht vorliegt. Die Analyse der Pressemitteilung deutet darauf hin, dass das LG Würzburg in einem Hauptsacheverfahren den Anspruch wohl bejahen wird.

Worum ging es?

Ein syrischer Flüchtling hatte ein Selfie mit Angela Merkel gemacht. Dieses Selfie wurde von rechten Kreisen verändert und der Kläger zu einem Terroristen gemacht. Facebook hat derartige Bilder zwar (größtenteils, das ist nicht ganz so klar) gelöscht, aber immer erst, nachdem Facebook darauf aufmerksam gemacht wurde. Der Kläger wollte mit der einstweiligen Verfügung erreichen, dass Facebook derartige Bilder auch löschen muss, ohne zunächst auf ihre Existenz hingewiesen worden zu sein.

Was war die Entscheidung?

Es gibt keinen Anspruch auf proaktive Löschung der Bilder in einem einstweiligen Verfügungsverfahren. Dafür nennt das LG Würzburg drei unterschiedlich interessante Gründe:

1. Die Sache ist nicht eilbedürftig. (Langweilig)

2. Facebook ist Host-Provider nach § 10 TMG und damit grundsätzlich nicht zum proaktiven Löschen verpflichtet (ja gut… oder auch nicht). Wer Juristen kennt, weiß, was nach „grundsätzlich“ kommt: eine Aufweichung des Grundsatzes, nämlich

3. Es kann eine Verpflichtung bestehen, weil ein überragend wichtiges Rechtsgut betroffen ist, aber diese kann nur unter bestimmten Voraussetzungen bestehen. Diese Voraussetzungen können im Verfahren einer einstweiligen Verfügung nicht geprüft werden. (Spannend!)

Was bedeutet das Urteil?

Zunächst bedeutet es für den Kläger, dass er nach wie vor jedes Bild melden muss, bevor Facebook es entfernen muss. Die Einordnung von Facebook als Host-Provider kann man so sehen, muss man aber nicht, da Facebook anders als der klassische Host-Provider sich nicht auf das Speichern von fremden Informationen beschränkt, sondern eben auch die Inhalte automatisch analysiert und anders als der übliche Host-Provider durchaus auch proaktiv und automatisiert Inhalte löscht. Das wird wohl noch zu umfangreicheren Diskussionen führen und man muss wohl darüber nachdenken, ob soziale Netzwerke als eine andere Kategorie von Providern gesehen werden müssen. Das legt auch der zweite, noch viel interessantere Teil der Begründung nahe. Der fällt in der Berichterstattung leider meist komplett unter den Tisch.

Dort geht das Landgericht davon aus, dass ein Anspruch auf vorbeugende Löschung bestehen kann, weil überragend wichtige Rechtsgüter betroffen sind. Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert.

Zum einen geht das Landgericht davon aus, dass wichtige Rechtsgüter zu einer Handlungspflicht führen können, selbst wenn das TMG eigentlich eine Haftungsprivilegierung vorsieht. Das besonders wichtige Rechtsgut führt also dazu, dass die Privilegierung wegfallen kann. Das soll aber nur gelten, wenn das technisch möglich ist, dies müsste durch Sachverständigengutachten geklärt werden. Sachverständigengutachten werden aber in einstweiligen Verfügungsverfahren nicht beauftragt.

Zum zweiten hält das Landgericht die persönliche Ehre im Internet für ein überragend wichtiges Rechtsgut, das in einer Abwägung zum Ergebnis führen kann, dass entgegen der Festlegung des TMG eine proaktive Suchpflicht bestehen kann. Eine Rechtsprechung gegen den Wortlaut des TMG klingt zunächst innovativ, ist es allerdings nicht unbedingt, sondern hat eine gewisse Tradition wie man aus der Störerhaftung und Unterlassungsansprüchen sehen kann, die ebenfalls eine aktive Suche voraussetzen, obwohl es eine solche Pflicht nach dem TMG ausdrücklich nicht gibt.

Und jetzt?

Wird es mit Sicherheit ein Hauptsacheverfahren geben, wenn dies nicht sowieso schon anhängig ist, in dem die oben genannten Fragen geklärt werden. Und Facebook wird erklären müssen, inwieweit seine automatische Bilderkennung in der Lage ist, Grafiken wiederzuerkennen. Einiges deutet daraufhin, dass die Bilderkennung schon jetzt  jedenfalls so gut ist, dass sie mit großer Sicherheit Ähnlichkeiten erkennt und anschließend Menschen entscheiden, ob eine Sperrung erfolgt. Wenn dies nicht sogar schon vollautomatisch geschieht und Menschen erst aktiv werden, sobald Beschwerden erfolgen.
Kann Facebook nicht beweisen, dass seine Bilderkennung furchtbar schlecht ist, wird wohl Facebook verpflichtet werden, proaktiv die Bilder zu löschen. Und dann werden wir sehen, ob Facebook das Urteil einfach ignoriert und sich darauf verlässt, in den USA sicher zu sein oder ob die Sache bis zum BGH durchgefochten wird. Wobei die technische Entwicklung sicher nicht für Facebook verlaufen wird.
Daneben wird noch über einen Schadensersatzanspruch zu entscheiden sein, aber das wird eher eine Nebensache sein, zumal diese Kosten für Facebook irrelevant sein dürften.

Flughafenfetischismus als Gesetz

So könnte man den Gesetzentwurf der FDP Fraktion im AGH bezeichnen. Immerhin sei der FDP zugestanden, dass sie parlamentarische Arbeit macht, wenn sie auch Quatsch ist. Aber das hebt sie wohltuend von den anderen beiden Oppositionsfraktionen ab, denen entweder gar nichts sinnvolles einfällt oder die hauptsächlich ihre eigene Arbeit der letzten fünf Jahre in der Regierung kritisieren. Aber jetzt zum Flughafenfetisch der FDP. So viel vorweg: Das Gesetz ist äußerst schlampig geschrieben.
Das Gesetz sieht so aus, meine Kommentare dazu stehen innen drin.

Berlin braucht Tegel – Tegel-Offenhaltungs-Gesetz

Das Abgeordnetenhaus wolle beschließen: Gesetz zur Kapazitätssicherung des Luftverkehrs in der Metropolregion und zur Offenhaltung des Flughafen Berlin-Tegel Vom ….

§ 1 Zweck des Gesetzes
Dieses Gesetz dient der Sicherung und dem Schaffen hinreichender Luftverkehrskapazitäten in der Region Berlin-Brandenburg, indem für die Region nachhaltig ausreichende Luftverkehrs- und Infrastrukturkapazitäten zur Abdeckung der Passagiernachfrage nach Luftverkehr festgeschrieben werden.

Da fragt und wundert sich der Leser, wieso es nur um Passagiernachfrage geht, weil der Frachtverkehr mindestens genauso wichtig ist und die Fluggesellschaften ihre Passagierflüge nur deshalb rentabel durchführen können, weil sie ausreichend Luftfracht befördern. Aber das ist nur eine Nebensache. Und mit der Schaffung von Luftverkehrskapazität beschäftigt sich der Gesetzentwurf nicht, das kann er angesichts des Anwendungsbereichs auch nicht.

§ 2 Anwendungsbereich
Dieses Gesetz findet Anwendung auf das Gebiet des Landes Berlin.

Das ist einerseits logisch, weil das Abgeordnetenhaus nur Gesetze für Berlin beschließen kann, andererseits aber auch unlogisch, weil ja zumindest ein Flughafen des Landes Berlin (und eine Flughafensimulation) sich außerhalb des Landes Berlin und damit außerhalb des Anwendungsbereichs befinden. Und weil auch andere Teile des Gesetzes sich nicht nur auf Berlin beziehen.  Aber wenn man auch Regelungen für Brandenburg treffen will, wäre ein Staatsvertrag das Mittel der Wahl. Den kann man nur nicht so schön populistisch im Abgeordnetenhaus einbringen. Es ist ein Kreuz…
Eine Schaffung von Luftverkehrskapazität innerhalb des Anwendungsbereichs Berlin, wie es die Formulierung in § 1 vorsieht, dürfte auch unmöglich sein. Der Gesetzentwurf will eigentlich nur eines: Tegel offen halten. Egal wie.

§ 3 Begriffsbestimmungen
(1) Ausreichende Luftverkehrs- und Infrastrukturkapazitäten sind gegeben, wenn die in diesem Gesetz definierten Anforderungen an Start- und Landebahnen, Passagierabfertigung und Zubringerverkehr erfüllt werden.
(3) Als Flugbewegungen im Sinne dieses Gesetzes gelten ausschließlich solche der Allgemeinen Luftfahrt und der Flugbereitschaft des Bundes.

Hupsi, wo ist denn Absatz 2 geblieben? Besonders sauber ist die Technik auch nicht, weil eigentlich Absatz 1 überflüssig ist, denn die ausreichenden Kapazitäten werden ja gleich in § 4 definiert. Dafür wird „Flugbewegung“ zwar definiert, aber „Allgemeine Luftfahrt“ schließt gerade Linen- und Chartermaschinen und damit den größten Teil des Flugverkehrs aus. Die FDP will hier also Flugbewegungen nur über die Flüge von kleinen Privatmaschinen, Geschäftsreisemaschinen und die Flugbereitschaft des Bundes definieren [1]. Kann man machen, aber bis die Kapazität des BER erschöpft ist, wird wohl ein wenig Zeit vergehen.

§ 4 Ausreichende Kapazitäten
(1) Für die Kapazitätsermittlung sind die Kapazitäten und Infrastrukturen sämtlicher Flughäfen im Sinne des § 6 LuftVG in einem Radius von 30 km um den Stadtmittelpunkt von Berlin (Flughäfen der Metropolregion) zu berücksichtigen.

Wir erinnern uns an den Anwendungsbereich: Das ist nur das Land Berlin. Ein Punkt 30 km außerhalb des Stadtmittelpunkts (ich habe mal das Brandenburger Tor genommen) befindet sich immer im Land Brandenburg. Außerdem ist es unlogisch, warum es auf den Stadtmittelpunkt ankommt, wenn doch die Flughäfen sich gerade nicht dort befinden. Der Einzugsbereich eines Flughafens hängt doch nicht vom Stadtmittelpunkt ab.

(2) Ausreichende Kapazitäten liegen dann vor, wenn kumulativ:
a. das Angebot an Start- und Landebahnen der Flughäfen der Metropolregion ausreicht, um die erwartete Nachfrage nach Flugbewegungen für die jeweils nächsten 15 Jahre befriedigen zu können. Soweit eine erwartete Nachfrage nicht bestimmt ist, ist von einer jährlichen Wachstumsrate in Höhe von 3% pro Jahr, beginnend vom Niveau des Jahres 2016, auszugehen;

Die Start- und Landebahnen reichen auch bei einem Flughafen aus. Tegel war ursprünglich für 6 Mio Passagiere geplant, er wird jetzt ohne weitere Bahnen mit ungefähr 20 Mio Passagieren betrieben. Der BER soll mit zwei Bahnen ungefähr 30 Mio Passagiere bewältigen, London Gatwick bewältigt mit einer Bahn ca 40 Mio Passagiere und London Heathrow mit zwei Bahnen 78 Mio Passagiere. Die Start- und Landebahnen sind nicht die Kapazitätsbegrenzung.

b. die erwartete Nachfrage nach Abfertigungsleistungen für Passagiere gemäß Level „Optimum“ der IATA durch die Flughäfen der Metropolregion abgedeckt werden kann. Die Abdeckung gilt alternativ als sichergestellt, wenn zum Jahr 2018 die Passagierkapazität 37 Mio. Passagiere beträgt und für den Zeitraum bis 2030 ein Passagierwachstum um 4% pro Jahr abgedeckt werden kann

Die IATA Level of Service betreffen einerseits das Platzangebot und andererseits die Wartezeiten an Flughäfen. Sie haben nichts mit der Passagierkapazität sondern dem Komfort auf einem Flughafen zu tun. Hier hat jemand wohl schlampig gearbeitet und nicht richtig recherchiert, was er da schreibt. Dazu kommt noch, dass das zwar superbequeme Terminal A in Tegel zwar als Passagier extrem angenehm ist, aber vollkommen unterdimensioniert. Es entspricht in keiner Weise den Anforderungen dem LoS Optimum. Bereits bei einer durchschnittlichen Mittelstreckenmaschine sind die Plätze im Wartebereich nicht für alle Passagiere ausreichend, die Sicherheitskontrolle führt zu langen Schlangen. Umsteigen setzt zwingend das Verlassen des Sicherheitsbereichs voraus. Das Terminal A müsste also komplett umgebaut werden. Im laufenden Betrieb…
Die Schlampigkeit setzt sich fort: Warum wird bei der Passagierabfertigung ein Wachstum von 4% zugrunde gelegt, während bei Starts- und Landungen nur 3% Wachstum erwartet werden? Werden da Passagiere abgefertigt, die weder starten noch landen, sondern nur auf dem Flughafen leben und das pro Jahr um 1% mehr? Gibt es keinen reinen Frachtverkehr, der zwar Flugbewegungen (wenn auch nicht bei „Allgemeiner Luftfahrt“) aber keine Passagiere generiert? Warum wird der Referenzwert von Starts und Landungen von 2016 genommen, während für die Passagierabfertigung 2018 als Referenzwert gewählt wird? Das vergrößert noch die Divergenz zwischen Flugbewegungen und der Passagierkapazität. Natürlich kann man annehmen, dass die Maschinen immer größer werden und dass dadurch die Zahl der Flugbewegungen langsamer steigt als die der Passagiere – nur: warum? an jedem Flughafen wird der Großteil der Flugbewegungen von Mittelstreckenmaschinen durchgeführt. Das gilt auch für Drehkreuze und auch der BER wird kein Drehkreuz werden. Es spricht wenig dafür, dass sich in Zukunft mehr große Langstreckenmaschinen in Berlin finden werden als derzeit.
Außerdem: Wenn die Flugbewegungen nur „Allgemeine Luftfahrt“ und die Flugbereitschaft umfassen, wäre es auch plausibel nur deren Passagierzahlen zugrunde zu legen.

und c. der Zubringerverkehr insoweit gesichert ist, als die zweijährlich durch das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zu ermittelnde tatsächliche durchschnittliche Anfahrtszeit aus dem Land Berlin zum jeweiligen nächsten Flughafen der Metropolregion längstens dreißig Minuten beträgt. Es ist jeweils das schnellste verfügbare Verkehrsmittel zu berücksichtigen.

Das schnellste Verkehrsmittel zu einem Flughafen ist ohne Zweifel ein Flugzeug oder ein Hubschrauber. Das wird kein Argument um Tegel offen zu halten. Das hat natürlich nichts mit sinnvollem Zubringerverkehr zu tun, aber es hat ja auch niemand behauptet, dass der Gesetzentwurf etwas mit sinnvollen Zielen zu tun hat, außer dem erklärten Ziel, Tegel irgendwie offen halten zu wollen, unabhängig davon, ob dies sinnvoll oder umsetzbar ist. Es geht um einen Schaufensterantrag. Das ist ein wenig armselig für das angeblich zentrale Thema einer Partei, die gerne Wirtschaftskompetenz für sich reklamiert.
Dann kann man sich fragen, warum die Kapazität in einem Umkreis von 30km um den Stadtmittelpunkt gesucht wird, die Anfahrtzeiten aber nur für Berlin berechnet werden. Die Sicherung des Zubringerverkehrs nur mit der Fahrtzeit zu begründen, ist auch gewagt. Wenn irgendwo auf der Zufahrt nach Tegel ein Unfall passiert, findet keine Zufahrt mehr statt – weil niemand zum Flughafen kommt und weil alle Straßen um den Flughafen in größerem Umkreis zugestaut sind. Leider gibt es nur eine Straße als Zugang.

§ 5 Verpflichtung zum Schaffen ausreichender Kapazitäten
(1) Das Land Berlin hat dafür Sorge zu tragen, dass ausreichende Luftverkehrs- und Infrastrukturkapazitäten bereitgestellt werden.

Da der Anwendungsbereich auf Berlin begrenzt ist, muss der Senat das in Berlin tun. Angenommen, der BER eröffnet nicht, das ist ja immer noch nicht ausgeschlossen, müsste mit dem Gesetz zwingend ein neuer Flughafen auf Berliner Stadtgebiet gebaut werden. Das klingt wie eine durchdachte Idee.

(2) Ist eine ausreichende Luftverkehrs- und Infrastrukturkapazität nicht erreicht, so darf die Nutzung keines in Betrieb befindlichen Flughafenstandorts aufgegeben werden.

Hier kommt jetzt der Hase aus dem Pfeffer. Der einzige Nachteil: es geht nicht. Auch ein Gesetz, das Verpflichtungen für das Land Berlin enthält, wird nicht um zwei recht triviale Probleme herum kommen: Zeit. Und bestehende bzw. auslaufende Genehmigungen. Aber damit setzt sich die FDP lieber nicht auseinander, es wäre das Todesurteil ihres einzigen Projekts.
Das Ende des von ihr geliebten Flughafens Tegel ist in zwei Rechtsakten festgeschrieben: zum einen im Landesentwicklungsplan Berlin-Brandenburg, der nunmal nur einen Flughafen vorsieht und diesen für den Standort Schönefeld festschreibt, den BER. Zum anderen in der Betriebserlaubnis für Tegel, die widerrufen wurde. Die Wirkung des Widerrufs tritt sechs Monate nach Betriebsaufnahme des BER ein. Ein Flughafen benötigt zwingend eine Betriebserlaubnis.
Um das Ziel des Gesetzes zu erreichen müsste zunächst der Landesentwicklungsplan Berlin-Brandenburg geändert werden und zwar rechtskräftig. Das kann das Land Berlin nicht allein, schließlich handelt es sich um einen gemeinsamen Plan mit Brandenburg. Und wenn man diesen geändert hätte, könnten davon negativ betroffene Anwohner dagegen klagen. Negativ betroffen wären wohl die Anwohner von Tegel und es werden sich welche finden, garantiert. Wie lange das dauert kann man nicht sagen. Man kann aber sagen, dass der BER wahrscheinlich Mitte 2018 in Betrieb gehen wird. Bis dahin müsste der Landesentwicklungsplan rechtskräftig geändert sein. Das wird zeitlich sehr eng, wenn es nicht noch schlimmer käme.
Es muss nicht nur der Landesentwicklungsplan geändert werden, sondern der Widerruf der Betriebserlaubnis von Tegel müsste auch noch widerrufen werden. Das hört sich ein wenig skurril an, aber das geht grundsätzlich. Und auch dies müsste rechtskräftig werden und zwar bis zur Aufnahme des Betriebs des BER. Ansonsten ist die Betriebserlaubnis ausgelaufen, endgültig. Dann hilft auch kein Widerruf mehr.
Natürlich kann man auch dagegen klagen und auch das wird jemand tun, wenn nicht schon die Änderung des Landesentwicklungsplans scheitert. Da so ein Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Berlin locker mal drei Jahre dauert, wird zuerst der sogenannte Eilrechtsschutz gezogen, bei dem die Nachteile gegeneinander abgewogen werden und summarisch geprüft wird, ob so eine Klage mit einiger Wahrscheinlichkeit Aussicht auf Erfolg hat. Hat der Eilrechtsschutz Erfolg, wäre das das endgültige Todesurteil für Tegel: der Widerruf des Widerrufs wird vorläufig außer Kraft gesetzt, die Betriebsgenehmigung läuft aus. Zwar könnte dann für Tegel eine neue Betriebsgenehmigung beantragt werden – aber eben unter den rechtlichen Bedingungen des Jahres 2017 und nicht unter denen von 1960. Wie leicht die Bedingungen zu erfüllen sind kann man ja beim Neubau beim BER sehen. Der Umbau eines vollkommen veralteten Flughafens auf neue Genehmigungserfordernisse dürfte unmöglich sein – und zeitlich auch nicht machbar, denn angeblich wird Tegel ja so dringend gebraucht. Aber wer kann schon einen Flughafen brauchen, der zunächst mal wegen Umbauarbeiten ein paar Jahre nicht in Betrieb ist?

§ 6 Immissionsschutz
(1) Das Land Berlin setzt für den Flughafen Berlin-Tegel einen Lärmschutzbereich nach § 4 des Gesetzes zum Schutz gegen Fluglärm (FluLärmG) unter Verzicht auf die Sonderregelung des § 4 Abs. 7 FluLärmG fest.

Kann man machen. Wird halt nur teuer. Sehr teuer für Tegel. Da kann man dann eigentlich auch ein neues Terminal am BER bauen (wenn das jemand kann…).

(2) Das Land Berlin erstattet dem Gebührenpflichtigen die Gebühren für Starts und Landungen am Flughafen Berlin-Tegel gegen Nachweis jeweils zur Hälfte, soweit das Flugzeug mit elektrischem oder hybrid-elektrischem Antrieb ausgerüstet ist.

Bisher gibt es genau ein derartiges Flugzeug. Im Testbetrieb. Seit nicht mal einem Jahr. Das klingt ja nett, aber ist wohl eher Schaulaufen als dass dieser Absatz in absehbarer Zeit Relevanz erlangt. Abgesehen davon fragt man sich, warum das ausgerechnet in Tegel gelten soll, weil gerade Kleinflugzeuge wegen der  in extremem Maße die Kapazität von Flughäfen und Start- und Landebahnen blockieren. Des Weiteren werden die Gebühren für Starts- und Landungen von der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg als Betreiberin des Flughafens eingenommen. Diese gehört zu jeweils 37,5% den Ländern Berlin und Brandenburg und zu 25% dem Bund. Dementsprechend dürfte auch die Aufteilung der Gewinne ausfallen. Die Rückzahlung von 50% der Gebühren entspricht nicht dem Anteil des Landes Berlin, das Land würde also Geld zuschießen. Da hat auch jemand nicht nachgedacht. Und der Verwaltungsaufwand für die Abrechnung wurde wohl auch nicht bedacht, wenn die Einnahmen an die FBB, die Rückzahlung aber aus der Landeskasse kommen soll.

§ 7 Inkrafttreten Das Gesetz tritt am Tage seiner Verkündung in Kraft.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Allgemeine_Luftfahrt

Der „Gefährder“ und eine jurismistische Quatschdebatte

In den letzten Wochen gab es mal wieder eine Debatte um Jurismus, nämlich um den Umgang mit Gefährdern. Die sollen „bestraft“ werden, sofort in Haft genommen werden, voll überwacht werden und am besten sofort abgeschoben werden. Zumindest aber müssen sie in Abschiebehaft genommen werden. Da sind sich alle Parteien einig.
Aber was soll das sein, dieser „Gefährder“? In Gesetzen findet man den Begriff nicht, nur eine Umschreibung, zum Beispiel in § 20g BKA-Gesetz. Dabei handelt es sich um Personen „bei der Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie Straftaten gemäß § 4a Abs. 1 Satz 2 [Akte des internationalen Terrorismus] begehen wird“. Der Laie wundert sich und der Jurist sieht über der Vorschrift ganz dick und fett den Stempel „verfassungswidrig“ und zwar auch noch zu recht. Denn das Bundesverfassungsgericht hat die Vorschrift ebenso wie die begleitenden §§ 20h-l BKAG im Jahr 2015 für verfassungswidrig erklärt, weil sie unter anderem zu unbestimmt sind. Damit steht keine brauchbare Definition fest, was denn eigentlich ein „Gefährder“ sein soll und so wie sich die Lage darstellt, wird sich diese Definition auch nicht finden lassen, wenn nicht jemand Zeitreisen oder gerichtlich anerkannte Glaskugeln entwickelt. Denn ein Blick in die Zukunft ist in der Sache schlicht unmöglich. Ob den Befürwortern die Problematik der fehlenden Bestimmtheit bewusst ist oder ob sie ihnen egal ist, ist eigentlich beides gleich besorgniserregend.

Eine befriedigende Lösung wird auch deshalb nicht zu finden sein, weil dank vorheriger Sicherheitsdebatten die Strafbarkeit für derartige Taten schon so weit im Vorfeld liegt, dass alle Tatsachen, die wirklich konkret auf einen Zusammenhang mit (internationalem) Terrorismus oder gar auf konkretere Anschlagsplanungen hindeuten, bereits strafbar sind.
Der § 127 StGB stellt bereits die Unterstützung einer Gruppe, also mindestens dreier Personen, unter Strafe, die über gefährliche Mittel oder Waffen verfügt. § 129 legt ähnliches für kriminelle Vereinigungen fest und § 129a für terroristische Vereinigungen im Inland sowie § 129b für kriminelle und terroristische Vereinigungen im Ausland. Daneben sind der Besitz von Sprengstoff sowie der Besitz von Waffen ohne Genehmigung strafbar.

Augenscheinlich sind diese Paragraphen aber ziemliche Papiertiger, wie die meisten Ergebnisse von der CDU/CSU initiierter Sicherheitsdebatten.
Die einzige Art von Täter, die man derzeit wirklich nicht bestrafen kann, ist der Alleintäter ohne jegliche Verbindungen zu anderen, der irgendwie radikal von Straftaten redet, die er vielleicht irgendwie begehen will. Der tut bisher nichts Strafbares. Die Grundrechte dieser Personen einzuschränken wird aber scheitern. Denn die Tatsachen, die eine Gefährdung nachweisen könnten wie zum Beispiel der Besitz von Waffen, Sprengstoffen, Kontakte zu anderen mit ähnlichen Plänen oder Kontakte zu ausländischen Terrororganisationen würden bereits heute für eine Strafbarkeit ausreichen. Alles andere, was man sich vorstellen könnte, wird kaum gerichtlich mit ausreichender Sicherheit als Gefahr bewiesen werden können.

Es sollte uns alle zu besorgten Bürger*innen machen, wenn gegen Menschen, die nur irgendwelches Zeug reden, einmütig eine Totalüberwachung gefordert wird.

Digitalcharta konstruktiv?

Es wurde verschiedentlich angemahnt, doch bitte konstruktiv an der Digitalcharta mitzuarbeiten statt diese lediglich destruktiv zu zerreißen. Das Spannende an der Kritik ist jedoch, dass nahezu alle mir bekannten Jurist*innen, die sich zu der Charta geäußert haben, diese nicht nur in verbesserungswürdigen Details, sondern in ihrer Grundkonzeption heftig kritisieren. Das könnte zu denken geben. Jurist*innen leiden ja schließlich nicht ohne Grund nicht unter dem Vorwurf besonderer Einigkeit. Ich versuche mal zu erläutern, warum eine konstruktive Verbesserung wohl angesichts der Mängel der Grundkonzeption der Digitalcharta aussichtslos ist.

Wieso in der Grundkonzeption?

Die Digitalcharta hat, anders als man es erwarten würde, nicht erkennbar eine Bestandsaufnahme bisher schon geltender Grundrechte für den digitalen Raum gemacht, sondern die Initiator*innen scheinen eher ein Brainstorming gemacht zu haben, was denn alles hübsch wäre zu haben. So liest sich der Text jedenfalls. Der Nachteil dessen ist, dass dann einiges an Grundrechten nebeneinander steht, deren Beziehung zueinander aber nicht geklärt ist. Das wäre nicht so schlimm, wenn sie deckungsgleich wären oder die Digitalcharta am weitesten ginge. Beides ist jedoch nicht der Fall. Das Verhältnis von Digitalcharta und Grundgesetz ist ein munteres Wechselspiel zwischen weiter gehenden Regelungen und hinter denen des Grundgesetzes zurückbleibenden. Dazu kommen ganz neue Erfindungen. Daneben stehen dann noch Regelungen wie die DSGVO, die ebenfalls auf Grundrechten basieren. Das liest sich für den Laien annehmbar, Jurist*innen treibt es Fragezeichen in die Augen. Dummerweise werden es Jurist*innen sein, die mit der Charta arbeiten müssen.

Als wäre das nicht schon problematisch genug, haben sich die Initiator*innen gedacht, sie werfen die Erkenntnisse aus ein paar hundert Jahren Verfassungsgeschichte über Bord und probieren es mal mit direkter Drittwirkung von Grundrechten. Das heißt nichts anderes, als dass jede*r Bürger*in gegenüber allen anderen die Grundrechte einhalten müssen – gegenseitig. Das gesamte Vertragsrecht wird plötzlich von Grundrechten überlagert, deren Konzeption darauf bislang überhaupt nicht ausgelegt war. Das Vertragsrecht ist es übrigens auch nicht. Mit der Privatautonomie ist es dann nicht mehr weit her. Bisher hielt ich das, ebenso wie die widersprüchlich geregelte Drittwirkung in Art. 1 III und 23 III, für einen handwerklichen Fehler, für Autoren, die nicht überblicken, was sie da eigentlich tun und für Schlamperei. Dem ist nicht so. Juli Zeh hat heute in einem Beitrag bekräftigt, dass es sich nicht um einen „Bug“, sondern ein „Feature“ handele und dass diese Konstruktion volle Absicht sei.
Ich habe an sich nichts gegen die Erfindung neuer juristischer Figuren. Aber eine Figur, die nur für bestimmte Konstellationen Machtungleichgewichte ausgleichen soll, zu nutzen, praktisch das gesamte Zivilrecht über den Haufen zu werfen, ist wohl kaum durchdacht. Und sie lässt sich als tragende Säule des Konzepts nicht ohne Folgen für die gesamte Charta entfernen.

Das dritte Problem sind die Grundrechtsschranken, besser gesagt deren vollkommenes Fehlen. Viele Grundrechte im Grundgesetz sind mit Gesetzesschranken ausgestattet und können beschränkt werden. Das ist zum Beispiel für die Allgemeine Handlungsfreiheit des Art. 2 I GG zwingend notwendig. Freiheit muss nun mal irgendwo Grenzen haben, schließlich lebt niemand allein auf diesem Planeten. Andere Schranken finden ihre Schranken in anderen Grundrechten und werden dann im Wege praktischer Konkordanz gegeneinander ausgeglichen – also zum Beispiel die Glaubensfreiheit mit der Meinungsfreiheit. Das geht irgendwie, weil es sich jeweils um konkurrierende Ansprüche gegen den Staat handelt. Für Grundrechte mit direkter Drittwirkung kann ich mir gerade nicht vorstellen, wie man diese, noch dazu ohne jegliche Schranke, in Übereinstimmung bringen kann.  Oder kann sich jemand vorstellen, wie ein Recht auf Kommunikation gegenüber anderen mit einem Recht auf Unterlassen von Kommunikation gegenüber anderen ausgeglichen werden kann? Ich nicht.

Das vierte Problem sind die bislang fehlenden Erläuterungen der Gedankengänge der Initiator*innen in Form einer Begründung der einzelnen Regelungen. Das ist zweifelsohne aufwendig, aber macht eine zielgerichtete Diskussion über den Vorschlag überhaupt erst möglich. Ohne eine Begründung zerfasert die Diskussion und wird in einer Vielzahl miteinander nicht abgestimmter Einzelideen enden. Daraus kann auch kein zusammenhängender Entwurf entstehen.

Wieso keine Konstruktivität?

Eine konstruktive Herangehensweise setzt einen in sich stimmigen Entwurf voraus, der in Details bearbeitet werden und ergänzt werden kann, aber dessen Konzeption erkennbar und kohärent ist. Das ist nicht gegeben. Der Versuch, den vorliegenden Entwurf konstruktiv zu bearbeiten setzt die Erarbeitung eines gänzlich neuen Entwurfs voraus, der die obigen Eigenschaften erfüllt. Das ist sehr viel Arbeit und von einzelnen oder einer Gruppe Juristen in ihrer Freizeit nicht zu stemmen. Das Ergebnis wäre vielleicht besser als der vorliegende Entwurf, aber sicher auch noch weit von einer guten Konzeption entfernt. Dazu würde es recht viel Zeit brauchen und alle, die es versuchen würden, würden gegen eine erhebliche Öffentlichkeitsmacht und einen schon veröffentlichten Entwurf ankämpfen müssen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der neue Entwurf nahezu wirkungslos verhallen würde, wäre sehr groß. Es gibt wenige, die unter diesen Umständen viel Arbeit investieren werden.

Dazu kommt, dass die angebotene Art der Mitarbeit eine Kommentierung des bisherigen Entwurfs in der bestehenden Grundkonzeption ist. Nur leider ist dieser weder kohärent noch in sich stimmig – und eine konstruktive Kommentierung ist auch nicht geeignet, die Schwächen zu beheben. Erst recht nicht, wenn nur Teile der Vorschläge übernommen würden. Die Grundkonzeption bliebe erhalten. Diese stellt aber gerade das wesentliche Problem dar.
Es wäre zum Beispiel nicht möglich, den höchst problematischen Art. 1 III aus dem Entwurf zu streichen, ohne dass sich auch an vielen (wahrscheinlich allen) anderen Artikeln Änderungsbedarf ergibt. Das lässt sich in der Form von Kommentaren nicht sinnvoll darstellen.

Die Zeit-Stiftung als Trägerin des Entwurfs hat bisher auch noch nicht annähernd vorgestellt, wie sie sich eine Beteiligung der Öffentlichkeit jenseits von Kommentaren im Internet vorstellt. Weder sind Veranstaltungsformate (außer einer irgendwie gearteten Diskussion im Europäischen Parlament) noch Termine für derartige Veranstaltungen benannt. Das macht eine konstruktive Mitarbeit an dem Entwurf nahezu unmöglich, wenn dies nicht noch stattfinden wird.

Was bleibt?

Den Entwurf zurückziehen, eine Debatte über die Konzeption solch einer Charta führen und erst dann einen Entwurf liefern. Nicht umgekehrt.

Digitale Grundrechte oder: denkt überhaupt noch jemand nach?

Martin Schulz, Wolfgang Hofmann-Riem und eine illustre Reihe anderer, vorwiegend deutscher Persönlichkeiten, haben heute den Entwurf einer digitalen Grundrechtecharta der EU veröffentlicht. Jürgen Geuter aka @tante hat schon eine längere Analyse des Entwurfs veröffentlicht, die ich auch mal eben schnell kommentiert habe. Ich werde jetzt nur die spezifischen juristischen Inhalte kommentieren, ansonsten stimme ich weitgehend mit @tante überein und verweise auf seinen Kommentar. Um es kurz zu sagen: der juristische Gehalt ist ziemlich schockierend schlecht. Und zwar nicht wegen fachlicher Details, sondern schon in der Grundkonzeption. Und das durchzieht die ganze Charta.

Präambel

Keine Charta ohne Präambel, keine Präambel mit Kommentar von mir.

Aber stattdessen erlaube ich mir eine Vorbemerkung. Es fällt auf, dass die Grundrechtecharta sich stark sowohl in Struktur und Wortwahl an das Grundgesetz anlehnt. Das kann man so machen, wird aber die Akzeptanz in Europa nicht unbedingt steigern. Schließlich ist das GG auch schon fast 70 Jahre alt und es gibt ja auch ein paar modernere Ansätze. Es drängt sich der Eindruck auf, dass das vor allem ein Schaustück für die deutsche Öffentlichkeit ist. Vielleicht wäre es auch gar nicht schlecht, wenn es dabei bliebe… Nur in einem weicht sie vom Grundgesetz fast durchgehend ab: die digitalen Grundrechte kommen fast ausnahmslos (außer das Recht auf Vergessenwerden) ohne Schranken aus. Also die Verfasser glauben das jedenfalls…

Art. 1 Würde

Die Achtung der Menschenwürde ist gut und schön und es ist auch ein starkes Zeichen, diese an den Anfang der Charta zu stellen. Eine Analyse der Gefährdungen als zweiter Absatz ist in einer Charta etwas skurril, das gehört eigentlich in eine Begründung, wenn man es denn ernst meint.

Wirklich gefährlich hingegen ist der in Abs. 3 geregelte Anwendungsbereich (warum wird der unter der Überschrift „Würde“ geregelt?). Dort werden nicht nur die Staaten von der Charta zu ihrer Einhaltung verpflichtet, wie dies sonst nicht nur im GG, sondern auch in der EMRK, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder anderen Verfassungen üblich ist. Die Rechte der Charta gelten auch gegenüber Privaten. Das heißt also im Zweifel auch gegenüber den eigenen Nachbarn.
Das würde das gesamte (digitale) Zivilrecht sowie sämtliche Verträge mitsamt der für dieses so elementaren Vertragsfreiheit direkt der Charta unterfallen lassen. Das Problem dabei ist, dass die Menschenwürde nicht verzichtbar ist – der Staat müsste die Achtung der Menschenwürde durchsetzen, egal ob Menschen dies gerade wollen oder für den Moment warum auch immer gegenüber anderen darauf verzichten wollen.

Wer das für ein geringes Problem hält, sollte bedenken, dass sowohl die simulierte Tötung von Menschen als auch Sado-Maso-Spiele als mit der Menschenwürde unvereinbar angesehen werden. Das kann man in der realen Welt so sehen und begrüßen, das müsste dann aber auch für die Darstellung in Filmen und Computerspielen gelten. Denn bisher galt einfaches Zivilrecht und dort konnte, eine wirksame Einwilligung vorausgesetzt, auf jedes Recht mit Ausnahme des Lebens verzichtet werden. Sado-Maso-Spiele oder (nicht kommerzielles) Gotcha wären also im realen Leben erlaubt, virtuell verboten. Ich rieche eine neue Killerspieldebatte.

Zwar gelten Grundrechte im Rahmen der mittelbaren Drittwirkung auch bisher schon zwischen Bürgern, allerdings nur bei der Auslegung der Generalklauseln des Zivilrechts („Treu und Glauben“, „gute Sitten“, „Anstandsgefühl der billig und gerecht Denkenden“) durch die Gerichte. Ansonsten müssen die einfachen Gesetze der Verfassung genügen, die Lebenswirklichkeit der Bürger nicht. Anders als der Staat dürfen Bürger andere von der Meinungsfreiheit ausschließen, keine Zeitung muss einen Artikel annehmen, Bürger dürfen sich einverständlich verprügeln und so weiter. Das ginge alles nicht, würden die Grundrechte unter Bürgern gelten.

Ist das durchdacht? Sicher nicht.

Art. 2 Freiheit

Die Freiheit sieht die Charta ausschließlich in freier Information und Kommunikation und definiert sie sowohl positiv als auch negativ. Das scheint mir ein wenig zu dünn, jedenfalls liegt der Aussagegehalt hinter dem des Anspruchs auf Informationsfreiheit aus Art. 5 I 3 Grundgesetz, welches diesen Anspruch wesentlich spezifischer formuliert.
Sprengstoff bietet der Artikel aber trotzdem, weil die Rechte auch gegenüber Privaten gelten. Ein Anspruch auf freie Information würde heißen, dass Private anderen Privaten zur Bereitstellung von Informationen verpflichtet sind. Eine Beschränkung enthält das Recht nicht. Man kann darin eine Ablehnung von Bezahlschranken bei digital vorliegenden Informationen sehen.
Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie das Recht auf Nichtwissen gegenüber Privaten durchgesetzt werden soll. Das könnte zu einem Anspruch führen, dass jemand mir keine Mails schicken, nicht auf meine Facebook-Pinnwand schreiben und mir keine Twitter-Mentions schreiben darf, selbst wenn diese nicht rechtswidrig sind (und nicht etwa, dass ich für die Abwehr zuständig bin). Ob das so durchdacht ist? Ich habe meine Zweifel.

Art 3 Gleichheit

Hier sehe ich eigentlich keinen gegenüber der Offline-Welt (ja, ich weiß, die gibt es nicht, mir fällt aber nichts besseres ein) abweichenden Regelungsbedarf. Der Versuch der Regulierung automatisierter Entscheidungen gehört eigentlich nicht in eine Grundrechtecharta sondern in ein Gesetz bzw. auf europäischer Ebene in eine Verordnung oder Richtlinie.
Spannend dürfte das hier nur werden, wenn wirklich predictive policing bzw. pre-crime eingesetzt werden sollen. Dann entscheiden nicht nur faktisch sondern ganz real Computerprogramme darüber, ob und wer kontrolliert werden soll.

Art. 4 Innere Sicherheit

Was „innere Sicherheit“ in einer Grundrechtecharta verloren hat, will mir nicht in den Sinn kommen. Das klingt sehr nach einem Supergrundrecht Sicherheit.
Absatz 1 ist eine generische Aussage, die in einer Grundrechtecharta nichts verloren hat.
Der Absatz 2 hat es in sich. So wie er formuliert ist, wäre auch eine TKÜ, die in der Regel durch Telekommunikationsunternehmen durchgeführt wird oder eine Bestandsdatenauskunft, zum Beispiel zur Durchsetzung von Urheberrechtsansprüchen, unzulässig. Die überragend wichtigen Rechtsgüter sind zwar fließend, aber jegliche Kriminalitätsbekämpfung fällt mit Sicherheit nicht darunter.

Absatz 3 und 4 erscheinen unproblematische Zielsetzungen, allerdings muss man sich fragen, welchen Regelungsgehalt Absatz 3 haben soll, denn auch derzeit findet nach Aussage der Bundesregierung (und aller anderen Regierungen der EU) keine „anlasslose Massenüberwachung“ statt. Hier hätte ein wenig mehr begriffliche Präzision der Charta geholfen.

Art. 5 Meinungsfreiheit und so

Hier wird es jetzt in Zusammenhang mit Art. 1 Abs. 3 und Art. 2 wirklich merkwürdig. Zum einen soll jeder das Recht haben, seine Meinung frei zu äußern – auch nach Art. 1 Abs. 3 gegenüber jedem anderen. Nur gibt Art. 2 jedem auch das Recht auf Nichtwissen gegenüber jedem anderen. Das widerspricht sich diametral und die bisher bekannten juristischen Ausgleichsmechanismen müssen hier versagen – es kann keinen Ausgleich zwischen diesen sich diametral gegenüberstehenden Positionen geben. Hier ist Recht zu einem entweder-oder geworden, also quasi binär.
Und die Widersprüchlichkeit geht weiter. Zum einen darf nach Abs. 1 keine Zensur stattfinden, auch nicht durch Private (anders als bisher, das Löschen von Kommentaren wäre „Zensur“), zum anderen müssen auch Private nach Abs. 3 proaktiv einen offenen Diskussionraum sicherstellen und „Hate Speech“ nach Abs. 2 verhindern. Wie das funktionieren kann, ohne bestimmte Personen oder Arten von Äußerungen von vornherein auszuschließen (aka Zensur zu üben und die Ausübung von Meinungsfreiheit zu beschränken), kann ich mir im Moment nicht vorstellen.
Ob das wohl durchdacht ist? Ich glaube nicht…

Dann kommt noch die Bombe in Absatz 4, die @tante anspricht, dass Private zur Durchsetzung der Rechte verpflichtet sind. Ich halte sie nicht für so groß, weil sie bereits in der Konstruktion des Art. 1 Abs. 3 angelegt ist und hier nur deutlich ausformuliert wird. Das ist in der Tat Sprengstoff, aber der durchzieht die ganze Charta.

Art. 6 Profiling

Profiling soll nur auf gesetzlicher Grundlage zulässig sein. Nur: es handelt sich um eine Charta der EU und die EU erlässt keine Gesetze, sondern nur Richtlinien und Verordnungen und sie schließt Verträge. Soll hier eine EU-Charta nur insoweit gelten, als nationale Gesetze das zulassen? Hier wird wohl auch die Einwilligung in ein Profiling ausgeschlossen, es sei denn ein Gesetz sieht das vor. Das kann man mögen oder nicht… Und wie ist das Verhältnis zur DSGVO? Fragen über Fragen.

Art. 7 Algorithmen

Dazu hat @tante alles und noch mehr gesagt, was mir einfallen würde.

Art. 8 Künstliche Intelligenz

Absatz 1 und 2 sind auf eine gewisse Weise staatsgläufig-interessant. Der erste Absatz ist als normative Aussage schlicht falsch, gemeint ist „dürfen“ statt „können“.
Der zweite Absatz ist eine Ausgeburt des Territorialitätsprinzips und scheint immer noch zu glauben, dass der EU-Gesetzgeber die technische Entwicklung an anderen Orten beeinflussen kann. Kann er nicht. Eine KI die in den USA oder China entwickelt wird und (scheinbar) nützlich ist, wird in der EU genutzt werden. Unabhängig von dem, was eine Grundrechtecharta gerne hätte und unabhängig davon, ob sie gesetzlich reguliert wird.

Für die Verantwortung selbstlernender Maschinen in Absatz 4 wäre es wichtiger, eine Verantwortlichkeit zu benennen, als sich auf den programmatischen Satz zu beschränken, dass sie bestehen muss. Das wäre an sich Sache eines Gesetzes (bzw Verordnung oder Richtlinie), aber das stört die Charta an anderen Stellen ja auch nicht.

Art. 9 Transparenz

Transparenz ist gut, aber eine Verantwortung jedes Privaten zur Transparenz ist dies nicht unbedingt, insbesondere dann nicht, wenn es keine Grenzen der Transparenz gibt. Auch hier wieder zeigt sich die fragwürdige Konstruktion des Art. 1 Abs. 3. Denn was für mich für die Durchsetzung meiner Freiheit, die nicht nur auf Informationene beschränkt ist, relevant ist, ist mitunter etwas anderes als das was sich die Verfasser unter Art. 2 vorstellen. Denn Freiheit muss auch digital weiter gedacht werden als in Art 2.

Art. 10 Unversehrtheit der Wohnung

Den finde ich gut, er beendet nur jegliche akustische, visuelle oder sonstige Wohnraumbeobachtung. Nicht nur mit digitalen Mitteln. Der Nachteil ist nur: auch mein Nachbar darf nicht mehr durch die Fenster in meine Wohnung schauen (und umgekehrt). Denn das Recht gilt auch gegenüber Privaten. Ob da jemand … ich hör ja schon auf.

Art. 11 Datenschutz

Dazu hat @tante alles gesagt.

Art. 12 Datensouveränität

Das klingt gut. Da dieses Grundrecht auch gegenüber Privaten gilt (und es als Grundrecht über jedem Vertrag steht) kann jeder Angestellte seine Daten bei seinem Arbeitgeber verschlüsseln. Es handelt sich ja nicht nur um personenbezogene Daten. Gute Idee, da hat jemand so richtig mitgedacht!

Art. 13 Datensicherheit

Endlich nimmt sich mal jemand der Datensicherheit. Und das auch noch auf höchstem Niveau. Und dann macht man es natürlich auch richtig. Unter „höchstmöglichem Schutz“ geht es nicht. Diesen höchstmöglichen Schutz müssen Private gewährleisten, also auch Telekommunikationsprovider. Am besten sind die Daten auf meinem Rechner übrigens geschützt, wenn er keinerlei Netzwerkverbindung zur Außenwelt hat. Wenn man weiterdenkt käme man wohl auf ein Recht des Einbaus abhörgeschützter Räume in Wohnungen gegenüber dem Vermieter – ob das statisch geht oder nicht. Hat da wohl jemand … ich gebs auf.

Art. 14 Wahlen

Die Digitalcharta legt ein Recht auf Teilnahme an Wahlen auf analogem Weg fest. Das ist mal ein interessanter Inhalt einer digitalen Grundrechtecharta. Nur nebenbei: Das Grundproblem digitaler Wahlen ist bisher ungelöst.

Art. 15 Freier Zugang zu Kommunikationsdiensten

Klingt gut, aber wieso gibt es dann noch ein Recht auf „freie Kommunikation“ in Art. 2? Ist da ein Unterschied, den ich nicht sehe oder haben da Leute schlampig gearbeitet? Und warum steht das nicht sowieso in Artikel 2, wo es hingehört?

Art 16 Netzneutralität

Ist ein No-Brainer, sollte aber dringend definiert oder näher ausgeführt  werden. Ansonsten droht ein Zustand, in dem man sich darüber streitet, was eigentlich alles darunter fallen sollte. Und so schwer ist das nicht zu definieren.

Art. 17 Pluralität und Wettbewerb

Schöner Programmsatz, nur wird er daran kranken, dass er auf das Gebiet der EU bezogen bleibt. Und Monopole außerhalb der EU kann eine Regelung der EU nicht angreifen. Es wäre eigentlich ein Auftrag an den EU-Gesetzgeber nötig, sich für ein wirksames internationales Kartellrecht einzusetzen. Das Recht auf Förderung offener Standards gegenüber Privaten (zB SAP oder Microsoft) bleibt nur das übliche Meckern über fehlendes Nachdenken über Konsequenzen.

Art. 18 Recht auf Vergessenwerden

Hier denken die Verfasser das erste Mal über Schranken der Grundrechte nach. Es kommt ein wenig spät und an einem merkwürdigen Ort dafür.

Art. 19 Besonders schutzbedürftige Personen

Dass Kinder und Jugendliche eines besonderen Schutzes bedürfen ist eher ein Allgemeinplatz. Wie dieser Schutz (der ein Grundrecht der Kinder gegenüber zB Inhalteanbietern ist!) bei einem gleichzeitigen Anspruch der Kinder auf Anonymität gewährleistet werden soll, ist mir ein wenig schleierhaft. Aber darüber hat bestimmt jemand nachgedacht.

Art. 20 Bildung

Recht auf Bildung. Passt. Analyse von Digitalisierung als Herausforderung hat in einer Grundrechtecharta nichts verloren.

Art. 21 Arbeit

Meinetwegen. Ein klein wenig lustig ist der Glaube, den digitalen Strukturwandel nach sozialen Grundsätzen gestalten zu können.

Art. 22 Immaterialgüter

Dazu hat Julia Reda @senficon sich kompetenter und umfangreicher geäußert als ich dies kann. Nur so viel: es sieht nicht unkritisch aus. Jedenfalls nicht nach einem Aufbruch in ein neues Urheberrecht. Leider.

Art 23 Schlussbestimmungen

Das ist für eine Diskussiongrundlage ein lustiger Abschnitt. Absatz 3 spricht im Gegensatz von Art. 1 Abs. 3 nur von Unternehmen. Die Verfasser sollten sich schon einigen, wen sie in den Geltungsbereich einbeziehen wollen und das auch einheitlich regeln. Es bleibt der Eindruck vom Anfang einer sowohl formal als auch inhaltlich äußerst schlampigen Ausarbeitung.

Zensur, Meinungsfreiheit und die Demokratie

Zensur ist in einer Demokratie von vornherein und eine Demokratie ohne Meinungsfreiheit ist schlicht undenkbar. Schließlich lebt eine Demokratie von der offenen Auseinandersetzung um verschiedene Meinungen und – zumindest in der Theorie – von der gemeinsamen Suche der Gesellschaft nach einem Konsens. Wenn der Staat in die Auseinandersetzung mit seinem Gewaltmonopol eingreift und sich vorbehält, bestimmte Meinungen zu unterdrücken oder vor der Veröffentlichung genehmigen zu wollen, ist die Demokratie tot. Das ist der triviale Teil: Der Meinungsaustausch ist konstitutiv für eine Demokratie.

Diese Erkenntnis hat aber nicht nur Folgen für die Meinungsfreiheit und das Zensurverbot. Daraus erwächst auch eine Pflicht eben jenes Staates, der nicht in die Auseinandersetzung der Meinungen eingreifen darf, eben jene Auseinandersetzungen erst möglich zu machen. Denn eine Demokratie, in der Teile der Bevölkerung es schaffen, andere wegen unliebsamer Meinungen zum Schweigen zu bringen und in der Staat das unkommentiert geschehen lässt – ist genauso wenig eine Demokratie. Das heißt weiter gedacht, dass der Staat nicht nur Straftaten verfolgen muss, sondern ebenso mit anderen Mitteln dafür sorgen, dass der Meinungsaustausch, der für eine diskursorientierte Gesellschaft unverzichtbar ist, möglich bleiben muss.

Hate Speech, auch in seiner nicht strafbaren Form, zielt darauf ab, die Teilnahme an Diskursen so unangenehm zu machen, dass sich Menschen lieber davon abwenden als sich beschimpfen zu lassen. Das ist das Gegenteil einer demokratischen Diskussionskultur, die nicht darauf setzt, den Feind zum Schweigen zu bringen, sondern zu überzeugen oder doch zumindest einen Konsens auf der Basis gegenseitiger Akzeptanz zu finden. Auch die Tatsache, dass bestimmte Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt und nicht strafbar sind, führt nicht dazu, dass es sich um Diskurse handelt, die aus Sicht einer demokratischen Gesellschaft wünschenswert sind. Denn wenn es der Gesellschaft nicht gelingt, ihre Diskurse (und die Räume, in denen sie stattfinden) gegen eine zerstörerische Teilnahme zu schützen, wird sie zerfallen. Die Suche nach gemeinsamen Überzeugungen und einem demokratischen Grundkonsens ist dann von vornherein zum Scheitern verurteilt. Grundlage einer demokratischen Gesellschaft ist damit nicht eine Meinungsfreiheit, die nur vom Strafrecht begrenzt wird, sondern sind Diskursräume die es allen Menschen ermöglichen, sich zu äußern. Diese gilt es zu schützen.

Wenn Heiko Maas und die Amadeu Antonio-Stiftung sich jetzt äußern und auffordern, gegen Hate Speech vorzugehen, handelt es sich mitnichten um einen Eingriff in die Meinungsfreiheit (der liegt mangels Eingriffscharakter einer Broschüre sowieso nicht vor) sondern um den Versuch, die Grundlagen unseres Zusammenlebens in einer Gesellschaft gegen eine Zerstörung von innen heraus zu schützen. Denn wie es Böckenförde einmal sagte: Die freiheitliche Gesellschaft lebt von Grundvoraussetzungen, deren Existenz sie selbst nicht garantieren kann.

Das gilt gerade jetzt, gerade für gesellschaftliche Diskursräume.