Das höre ich durchaus häufiger, auch von Menschen die sonst durchaus meinungsstark auftreten und bisang keine Angst hatten, ihre Meinung kundzutun. Interessanterweise höre ich es gerade jetzt, da viele Menschen Dinge sagen, die angeblich nicht gesagt werden dürften. Die sind allesamt nicht im Knast, sondern laufen frei herum und sagen noch mehr Dinge, die man angeblich nicht sagen dürfe. Das könnte ihnen zu denken geben, tut es aber nicht.

Angefangen hat das wohl mit dem armen, unterdrückten Thilo Sarrazin, der mit einem Buch voller „Wahrheiten“, die man nicht sagen dürfe, durch die Talkshows gezogen ist und damit Millioneneinnahmen gemacht haben dürfte. Auch der läuft noch frei herum und ist sogar – warum auch immer – noch SPD-Mitglied. Des Weiteren sind es Personen wie zum Beispiel Roland Tichy (ehemals u.a. Chefredakteur der Wirtschaftswoche), Heinz Buschkowsky, Prof. Werner Patzelt oder Prof. Thomas Rauscher. Was fällt auf? Es handelt sich um Männer über 50, eher aus der Oberschicht, durchaus mit formaler Bildung gesegnet und nicht ohne öffentlichen Einfluss. Menschen, die gehört werden, wenn sie den Mund aufmachen. Also eher die gesellschaftliche Elite, noch dazu mit einem Status gesegnet, der keinen Anlass zu (materiellen) Bedrohungen gibt: Pensionäre, Selbständige, Professoren. Das gibt doch Anlass zur Sorge, wenn sogar die … ? Oder ist es was ganz anderes?

Der Vorwurf, „man dürfe dieses oder jenes ja nicht sagen“ (gefolgt typischerweise von dem, was man nicht sagen darf) stimmt natürlich nicht, das beweisen die oben Genannten exemplarisch und leben ganz gut damit. Bis man die Grenzen des Strafrechts erreicht, muss man schon ganz schön viel sagen und das meiste davon hätte mit dem Holocaust zu tun (mit dem sich die genannten eher nicht in ihren Aussagen beschäftigen). Gemeint ist stattdessen „das darf man ja nicht sagen, ohne dafür mitunter scharf kritisiert zu werden“. Damit verraten sie gut, wo ihr Problem liegt. Sie fürchten nicht „linke (oder auch gerne linksfaschistische) Meinungsdiktatur“, sondern die Überzeugungen in den gesellschaftlichen Diskursen haben sich verschoben – zu Ungunsten der traditionellen konservativen Eliten. Sie haben die unwidersprochene Diskurshoheit verloren, die Veränderung ist über ihre Köpfe hinweg gegangen und wo sie bislang ihre Thesen als absolut geltende Wahrheiten ausgeben konnten, sehen sie sich plötzlicher Kritik ausgesetzt – eine Erfahrung, die sie scheinbar noch nie gemacht haben, die aber für andere, die jahrelang Minderheitenpositionen vertreten haben, normal war. Man muss sich das nur vorstellen: Ein Professor, der jahrelang von der Kanzel alles mögliche erzählen kann, wird nun plötzlich dafür kritisiert. Was für ein Schock muss das sein. Da kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass da ein Verbot herrschen würde.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach. Absolute Wahrheiten gibt es nicht (das sollte gerade geisteswissenschaftlichen Professoren nur zu bewusst sein, Ökonomen erst recht), was „wahr“ ist, stellt sich im gesellschaftlichen Diskurs heraus. Diesen kann man versuchen zu beeinflussen, aber wenn man sich gegen den Mainstream stellt, ist man eher in der Pflicht, eine gute und überzeugende Begründung zu liefern, als wenn man der „herrschenden Meinung“ folgt (das sollte ein Jura-Professor wie Rauscher selbst am besten wissen). Es ist nicht damit getan, eine Meinung zu twittern oder von der Kanzel zu verbreiten und dann auf die Kritik wegen weitgehender Faktenfreiheit (oder Phantasiegespinsten) sich darüber zu beschweren, dass ja eine Meinungsdiktatur herrschen würde. So geht Diskurs nicht. Auch wenn die älteren Herren das zu denken scheinen.

Und auch die Sitten gegenüber denjenigen, die jetzt unter Begründungszwang für ihre häufig von Ressentiments getragenen Meinungen leiden, sind nicht heruntergekommen. Im Gegenteil, wenn man sich öffentliche Auseinandersetzungen in den 60er und 70er Jahren anschaut, könnte die bisherige Elite froh sein, dass ihnen gegenüber nicht Wortkanonen ausgepackt werden, wie sie damals gegenüber den „linksversifften Studenten“ ausgepackt werden. Da würden ihnen ganz schön die Ohren schlackern.

Insofern darf man immer noch (fast) alles sagen – aber eben wie schon immer nicht ohne die Konsequenzen dafür zu tragen. Viele derjenigen, die jetzt (angeblich) die Herrscher der Meinungsdiktatur sein sollen, haben das in langen Jahren lernen müssen, andere müssen es jetzt lernen. Ob sie dazu willens oder in der Lage sind, das ist die andere Frage. Bisher stellen sie sich beleidigt in die Ecke und maulen rum. Damit gewinnt man aber auch keine Debatten.

Was denkst du?