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Hier kommen zwei Teile im Programm, bei denen die AfD gegenüber dem „geleakten“ Entwurf wohl massiv Kreide gefressen hat. Insbesondere der erste Teil macht stark den Eindruck, dass die AfD nicht so wirklich weiß, was sie eigentlich will. Alleinerziehende jedenfalls nicht (das wollen viele Alleinerziehende auch nicht…).

6.6 ALLEINERZIEHENDE UNTERSTÜTZEN. FAMILIEN STÄRKEN
Die Alternative für Deutschland will die finanziellen Belastungen Alleinerziehender und Unterhaltspflichtiger korrigieren.

Ja und was soll da passieren? Will die AfD ein viel höheres Kindergeld? Das Wort „korrigieren“ deutet darauf hin, dass es irgendwie einen richtigen Zustand gebe. Nur: Wenn man Vollzeitmütter möchte, Krippen eher nicht und Frauen eher nicht arbeiten sollten, dann wird es schwer. Oder es gibt ein BGE…

Die Anzahl Alleinerziehender mit minderjährigen Kindern nimmt in Deutschland stetig zu, obwohl dieses Lebensmodell in der Regel gravierende Nachteile für alle Beteiligten, insbesondere aber für die betroffenen Kinder, hat. Zusätzlich zu der emotional belastenden Situation sind sowohl die Alleinerziehenden als auch die Unterhaltspflichtigen einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt.

Bei generell relativ sinkenden Einkommen ist das auch kein Wunder.

Nach Auflösung der Paarbeziehung ist es häufig erschwert, dass sowohl Vater als auch Mutter ihr Erziehungsrecht ausüben.

Grammatikalisch hinterlässt der Satz ein Fragezeichen: Was ist das „es“, das erschwert ist, wenn Mutter und Vater das Sorgerecht ausüben? Das ist erstens Sache der Erziehungsberechtigten und klappt inzwischen eigentlich recht gut. Also wenn die Erziehungsberechtigten das wollen. Was die Konsequenz aus dieser Analyse sein soll, ist nicht so recht klar. Denken kann man es sich allerdings…

Die AfD fordert ein Steuer‐, Sozialversicherungs‐ und Rentenrecht, das die Anerkennung von Erziehungsarbeit berücksichtigt und damit auch Alleinerziehende und Unterhaltzahlende mit einbezieht.

Das ist zwar schön, hilft aber nicht viel. Insbesondere ein anderes Rentenrecht hilft den Alleinerziehenden während der Zeit nichts in denen sie keine Rente beziehen. Mit dem Satz davor steht dieser jedenfalls in keiner Beziehung.

Nach einer Trennung muss es für beide Elternteile im Sinne des Kindeswohles gewährleistet sein, weiterhin an der elterlichen Sorge und dem Umgang gleichberechtigt teilzuhaben.

Große Überraschung allenthalben: Das ist geltende Rechtslage. Hat lange genug gedauert, das durchzusetzen…

 Wir wenden uns entschieden gegen Versuche von Organisationen, Medien und Politik, Einelternfamilien als normalen, fortschrittlichen oder gar erstrebenswerten Lebensentwurf zu propagieren.

Tut das irgendjemand? Die Organisation „Pro Alleinerziehende“ oder ähnliches wäre mir sehr neu. Und die Idee, Medien irgendwas vorschreiben zu wollen, naja, sie taucht hier das erste Mal auf. Es wird aber wohl nicht das letzte Mal sein.

Der Staat sollte stattdessen das Zusammenleben von Vater, Mutter und Kindern durch finanzielle Hilfen und Beratung in Krisensituationen stärken.

Anders gesagt: Die AfD will wohl Geld auf die „traditionelle Familie“ werfen, das entzogen wird, wenn man sich trennt oder irgendwie anders lebt. Will die AfD eine Art „Pflicht zur staatlichen Paarberatung“ vor einer Scheidung etablieren oder was?

Dieser Teil wirkt so, als ob die AfD sagen wollte, man müsse irgendwie die Trennung von Familien und die Scheidung verhindern oder zumindest erschweren – aber sie sich nicht traut, das auch zu schreiben. Ein Beispiel für den Widerspruch ist es, zu fordern, dass die finanziellen Belastungen Alleinerziehender korrigiert werden sollen und dass scheinbar auch das erhöhte Armutsrisiko verhindert werden soll. Geld sollen aber nur traditionelle Familien erhalten, wohl um eine Trennung finanziell unattraktiver zu machen. Hier kollidiert ein Gesellschaftsbild aus den 50er Jahren mit der Gesellschaft der 2010er Jahre und lässt die AfD ratlos zurück. Was sie sich wünschen würde, wäre wohl gesellschaftlich nicht akzeptiert und was gesellschaftlich akzeptiert ist, passt der AfD so gar nicht.

6.7 WILLKOMMENSKULTUR FÜR NEU‐ UND UNGEBORENE
Die Alternative für Deutschland setzt sich für eine Willkommenskultur für Un‐ und Neugeborene ein.

Also in meiner sozialen Umgebung werden Neugeborene willkommen geheißen. Dass das nicht so ist, dürfte insgesamt eher selten sein.

In Deutschland kommen auf rund 700.000 Lebendgeburten pro Jahr ca. 100.000 Schwangerschaftsabbrüche. Dabei liegt nur bei 3‐4% eine medizinische oder kriminologische Indikation vor, in allen anderen Fällen wird der Schwangeren nach einer Beratung eine Bescheinigung ausgestellt, die ihr eine straffreie Abtreibung aus „sozialen Gründen“ ermöglicht.

Tjaja, das ist die Folge einer Gesellschaft, in der Arbeit immer noch im Zentrum des Lebens steht und in der vor allem Mütter in der Arbeitswelt diskriminiert werden. Dagegen ist die AfD zwar irgendwie, sieht in Menschen aber trotzdem vor allem den ökonomischen Wert.

Ein Schwangerschaftsabbruch stellt eine einschneidende Erfahrung für die Betroffenen dar und kann zu langanhaltenden Schuldgefühlen, psychosomatischen Beschwerden oder depressiven Reaktionen führen. Die Alternative für Deutschland steht für eine Kultur des Lebens und ist in Einklang mit der deutschen Rechtsprechung der Meinung, dass der Lebensschutz bereits beim Embryo beginnt.

Schon wieder dieser Jura-Fetisch. Die Gesetze macht die Politik und wenn die Gesetze geändert werden, steht das auch in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung.

Wir fordern daher, dass bei der Schwangerenkonfliktberatung das vorrangige Ziel der Beratung der Schutz des ungeborenen Lebens ist. Werdenden Eltern in Not müssen finanzielle und andere Hilfen vor und nach der Entbindung angeboten werden, damit sie sich für ihr Kind entscheiden können.

Ja, aber nur, wenn sie in einer traditionellen Familie leben, dann gibt es nämlich Geld (siehe oben). Sonst nicht. Und die Idee, dass Frauen sich einfach so ohne nachzudenken für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, entstammt wohl der gleichen Vorstellungswelt wie die von Jens Spahn, in der die „Pille danach“ „wie Smarties“ eingenommen würde. Da ist wohl eine Ideologie am Werke…

Die Alternative für Deutschland wendet sich gegen alle Versuche, Abtreibungen zu bagatellisieren, staatlicherseits zu fördern oder sie gar zu einem Menschenrecht zu erklären.

Ich wüsste nicht, dass irgendjemand Abtreibungen bagatellisiert oder sie staatlicherseits fördert. Eine Dämonisierung hilft allerdings auch und schadet eher. Verhindern kann man sie auch nicht – auch nicht wenn man sie verbietet. Das wird nur gefährlich für diejenigen, die illegale Abtreibungen vornehmen. Und dass körperliche Unversehrtheit und das Leben ein Menschenrecht ist, ist wohl unbestritten – auch wenn durch eine Schwangerschaft die Gesundheit gefährdet ist. Damit IST Abtreibung grundsätzlich ein Menschenrecht.

Dieser Teil zeigt, dass es der AfD eher auf die Erhaltung eines „Volkskörpers“ ankommt als auf das Individuum – dessen Interessen müssen halt zurück stehen. Das haben schon andere Ideologien versucht. Neoliberal ist das Programm hier nicht, dafür aber im Ansatz völkisch – mehr traut sich die AfD scheinbar nicht.

Was denkst du?