Und jetzt: Kulturgedöns. Dass die AfD einen gewissen Kulturfetisch pflegt, geht zwar aus dem Programm bisher nicht so sehr hervor, aber das hat Rudolf Neumaier in der Süddeutschen anhand der Landeswahlprogramme in Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ganz schön herausgearbeitet. 

7 KULTUR, SPRACHE UND IDENTITÄT
Deutschland gehört zu den großen europäischen Kulturnationen. Deutsche Schriftsteller und Philosophen, deutsche Musiker, bildende Künstler und Architekten, in jüngerer Zeit auch deutsche Designer und Filmemacher, haben wesentliche Beiträge zu ihren jeweiligen Disziplinen im weltweiten Maßstab geleistet.

Ja, schön. Großartig. Und weil große kulturelle Errungenschaften selten nur aus einer Anregung heraus entstehen, haben alle Künstler natürlich auch kulturelles aus anderen Kulturen eingebaut. Und „deutsche Kultur“ in anderen Länder getragen, sonst wäre es ja kein weltweiter Maßstab. Kultur schert sich üblicherweise wenig um Grenzen, irgendwelche Rasseideologien oder genetische Abstammung.

7.1 DEUTSCHE KULTUR, SPRACHE UND IDENTITÄT ERHALTEN
Die AfD erachtet es als eines ihrer vorrangigen politischen Ziele, dieses große Kulturerbe für die kommenden Generationen nicht nur zu bewahren, sondern es im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung weiterzuentwickeln und seine unverwechselbaren Eigenheiten zu erhalten.

Ja, äh, und was will sie jetzt genau? „Deutsche Kultur“ digitalisieren? Keine alten Gebäude abreissen?

7.2 DEUTSCHE LEITKULTUR STATT MULTIKULTURALISMUS
Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur deutschen Leitkultur, die sich im Wesentlichen aus drei Quellen speist: erstens der religiösen Überlieferung des Christentums, zweitens der wissenschaftlich‐humanistischen Tradition, deren antike Wurzeln in Renaissance und Aufklärung erneuert wurden, und drittens dem römischen Recht, auf dem unser Rechtsstaat fußt.

Oh, also deutsche Kultur hat drei Quellen: Aufklärung (erfunden überall, nur nicht in Deutschland, das war eher „late adopter“), Christentum (so eine Erfindung aus dem östlichen Mittelmeerraum, auch da waren wir im frühen Mittelalter eher spät dran) und – römisches Recht (das wenig überraschend aus Rom kam bzw. dann im Mittelalter in Norditalien „wiederentdeckt“ wurde). Also alle drei Quellen deutscher Kultur wurden nicht in Deutschland erfunden, sondern importiert und haben die bisherige „ursprüngliche“ Kultur überschrieben.
Dabei fällt auf, dass die meisten Quellen deutscher Kultur noch gar nicht so alt sind: die Aufklärung begann im 17. Jahrhundert in Frankreich, England und Holland. Das römische Recht zog als Rechtsquelle erst mit dem BGB am 1.1.1900 in die deutsche Kultur ein, die systematische Beschäftigung damit begann im 19. Jahrhundert, als es das in der Aufklärung entstandene Naturrecht abgelöst hat. In Österreich ist römisches Recht übrigens keine Rechtsquelle, da gilt noch das naturrechtliche ABGB, also haben die keine deutsche Kultur. Nun ja.
Zum Schluss noch ein Funfact: Das BGB wurde vor seiner Einführung unter anderem deshalb bekämpft, gerade WEIL es römisch-rechtlich war und nicht auf germanischem Recht beruhte. Das einzige Buch des BGB, das nicht auf römischem Recht beruht, ist übrigens das Familienrecht. Da würde die AfD ja auch gerne ein paar Reformen der letzten Jahre rückgängig machen, aber mit dem Familienrecht von 1900 wäre sie wohl doch in großen Teilen einverstanden…

Gemeinsam liegen diese Traditionen nicht nur unserer freiheitlich‐demokratischen Grundordnung zugrunde, sondern prägen auch den alltäglichen Umgang der Menschen miteinander, das Verhältnis der Geschlechter und das Verhalten der Eltern gegenüber ihren Kindern.

Zum Glück tun sie das nicht mehr. Im Übrigen haben diese „Kulturquellen“ sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte so stark verändert und an gesellschaftliche Veränderungen angepasst, dass man auch gar nicht wüsste, in welcher Form das gelten soll. Oder man liest aus dem Text „es ist, wie es ist“ und dann war wohl mal wieder Captain Obvious der Autor dieses wunderbaren Stücks Prosa.

Die Ideologie des Multikulturalismus, die importierte kulturelle Strömungen auf geschichtsblinde Weise der einheimischen Kultur gleichstellt

Wie schon gesagt: die gesamten Quellen „deutscher Kultur“ sind importiert, die Bevölkerung übrigens auch. Das wurde nicht nur der bisherigen Kultur gleichgestellt, sondern hat sie ersetzt. Aber das ist jetzt deutsche Leitkultur.
Kultur ist eben nicht statisch, sondern entwickelt sich dynamisch. Eines ist sie mit Sicherheit nicht: staatlich gelenkt. Das steht übrigens auch im Grundgesetz…

und deren Werte damit zutiefst relativiert, betrachtet die AfD als ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit.

Die Entwicklung „deutscher Kultur“ und der deutschen Nation hatten bisher eher nicht so viel miteinander zu tun. Und als dann sowas wie ein Gefühl für etwas wie eine Nation entstanden war, so um 1848, hat man gleich noch eine neue Kulturquelle (das römische Recht) eingeführt. Der soziale Frieden war damals auch in Gefahr – aber nicht weil im Zuge der industriellen Revolution viele Polen eingewandert sind, sondern wegen der industriellen Revolution und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umwälzungen.
Dann noch „Relativierung durch Gleichstellung“ und das auch noch „zutiefst“. Da weiss ich nicht, was ich sagen soll. Am ehesten klingt die Idee wie die Kulturidee der Identitären Bewegung: Kulturen sollen sich bloß nicht vermischen, sondern nebeneinander stehen (und das am besten bitte nicht in einem Land) und natürlich hat die deutsche Kultur den höchsten Stellenwert.
Ich weiss ja nicht, wie es den Leser*innen geht, aber ich finde spezifisch deutsche Kulturwerke aus der Zeit von 1933 bis 1945 ziemlich schaurig und eigentlich nicht so nachahmenswert. Abgesehen davon, dass viele intellektuell langweilig sind.

Ihr gegenüber müssen der Staat und die Zivilgesellschaft die deutsche kulturelle Identität als Leitkultur selbstbewusst verteidigen.

Oh, die Zivilgesellschaft tritt auf. Reichlich spät. Und die AfD will ihr gleich sagen, was ihre Aufgabe zu sein hat. Also so von oben, nicht aus der Gesellschaft kommend. Bisher hatte die Zivilgesellschaft darauf ja eher keine Lust, genauso wenig wie auf die AfD.

Auf dem Programmparteitag der Berliner AfD heute ging es übrigens gar nicht so sehr um inhaltliches oder spezifisch deutsches bei der Kultur, sondern darum, ob man Opernhäuser auflösen soll, den Kulturetat erhöhen soll (statt Integration zu bezahlen) oder Kulturförderung kürzen soll, weil daraus Institutionen bezahlt werden, die mit Torten werfen (Beitrag: Beatrix von Storch). Man hat sich schließlich für irgendwie ein bisschen kürzen entschieden, aber nichts so richtig handfestes…

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