Ich wurde von Johannes Rehborn (@Jrehborn) angeregt, doch mal etwas total überraschendes zu tun und zur Examensvorbereitung zu bloggen. Da ich diesen Text noch auf dem Rechner gefunden habe, stelle ich ihn mal als Beschäftigungstherapie ein. Dieser Text wurde eigentlich für die Vorbereitung auf das erste Examen geschrieben, man kann die Erkenntnisse aber auch für das Zweite nutzen, nur sollte da eigentlich jeder schon die entsprechenden Erfahrungen haben…

Der Text ist allerdings schon ein paar Jährchen alt, es könnte also sein, dass ein paar Begriffe nicht mehr stimmen (gerade im Bereich Schwerpunkt, den ich nie kennen gelernt habe). Seid bitte gnädig mit ihm.

Es wird auch noch einen Post zur Examensvorbereitung ohne Rep geben, aber dafür brauche ich noch ein wenig Zeit.

Jeder kann und sollte sich die ihm passenden oder nützlich erscheinenden Methoden heraussuchen und sollte alles mal probieren. Was hilfreich ist und wie Ihr arbeiten wollt und könnt, ist eine Entscheidung, die Ihr treffen müßt. Das kann weder der Autor noch ein Repetitor, es ist allein Eure Sache.

  1. Lernt Euch selbst kennen:

Ihr erfahrt vieles über Euch selbst in der Examensvorbereitung. Ihr werdet Fähigkeiten und Eigenschaften entdecken, von denen Ihr selbst nicht einmal ahntet, daß Ihr sie besitzt. Jeder Mensch ist anders, aber es sind nicht alle chronischen Langschläfer auch wirklich nur fähig, nur nachmittags zu arbeiten. Eigentlich gilt der Vormittag für die meisten als hervorragende Lern- und Arbeitszeit.

Probiert verschiedene Lernzeiten, allerdings sollten Umstellungen nicht nur für einen Tag kommen: der Langschläfer ist am ersten Morgen um 8 ziemlich sicher zu nichts zu gebrauchen. Das ergibt keine sinnvollen Ergebnisse. Eine Woche Zeit solltet Ihr Euch schon mindestens geben. Dann werdet Ihr merken, zu welcher Zeit Ihr welche Aktivitäten am besten unternehmt. Richtet Euren Tagesablauf nach den gewonnenen Erkenntnissen aus und sorgt dafür, dass die Lernphasen in Eure Hoch-Zeiten fallen.

Testet verschiedene Lernmethoden. Es gibt verschiedene Lerntypen (auditiv, visuell, haptisch), jeder Mensch ist eine Kombination aus verschiedenen Lerntypen, daher solltet Ihr irgendwie versuchen, auch die verschiedenen Sinne beim Lernen anzusprechen. Es sind NICHT 90% aller Menschen rein auditive Lerntypen, sondern ca. 2%, so daß den Allermeisten bloßes Zuhören beim Rep praktisch nichts bringt. Das Argument „ich lerne am besten beim Zuhören“ stimmt also in der Regel nicht. Aus der Unterschiedlichkeit der Menschen ergibt sich nahezu zwangsläufig, dass das Rep für praktisch niemanden die optimale Methode der Examensvorbereitung sein kann.

Eine AG ist demgegenüber variabler und bietet bessere Möglichkeiten, auf Eure individuellen Wünsche, Methoden und Bedürfnisse einzugehen. Nebenbei verschwendet Ihr damit auch weniger Zeit. Es ist übrigens ziemlich kurios, dass die meisten sich zwar auf die Pflichtfächer (deren Umfang man sich ja eigentlich halbwegs vorstellen kann, hat man ja alles schon mal gehört und es gibt Unmengen von Examensmaterial) mit einem Rep vorbereiten, für die Schwerpunktgruppen (deren Umfang am Anfang der Examensvorbereitung in der Regel ein ziemliches Mysterium ist) aber private AGs und die Uni-Veranstaltungen für völlig ausreichend halten. Und dies auch zu recht, die Schwerpunktnoten sind im Durchschnitt besser.

In der Examensvorbereitung merkt Ihr auch, wie Ihr auf Streß reagiert (es geht schliesslich um Eure Zukunft, da ist Streß völlig normal!) und wie Ihr am besten damit fertig werdet. Dabei ist Streß nicht notwendigerweise negativ, er sorgt auch dafür, dass Ihr die optimale Leistungsfähigkeit erreicht und fähig seid, Euch voll auf die Klausuren zu konzentrieren. Schädlich wird er erst, wenn er zur totalen Blockade führt. Es kann für die Streßbewältigung z.B. hilfreich sein, sich Routinen anzueignen, so merkt Ihr nicht so schnell, wie die Zeit vergeht. Das ist wahrscheinlich der größte Streßfaktor in der Vorbereitung: die scheinbar kaum zu überblickende Fülle des Stoffes und die ständig abnehmende Zeit zum Lernen. Auch in den letzten Tagen vor dem Examen und im Examen helfen Routinen: ich mache ja dasselbe wie gestern, da war gestern nichts Schlimmes, da kann mir ja heute nichts passieren. Ausserdem schalten hirnlos abgespulte Routinen das Gehirn ab, und das ist vor (nicht: in!) den Klausuren genau das Richtige.

  1. Der Schwerpunkt ist wichtig:

Es hilft überhaupt nichts, einen Schwerpunktbereich deshalb zu wählen, weil er als einfach gilt. Diese sogenannten „einfachen“ Schwerpunktgruppen gibt es nicht! Wenn in bestimmten Schwerpunktbereichen relativ hohe Punktzahlen erzielt werden (Rechtsphilosophie als Beispiel) dürfte das eher daran liegen, dass es eine Schwerpunktbereichen für Enthusiasten ist. Und Enthusiasmus hilft beim Lernen. Für eine Schwerpunkt, der Euch nicht interessiert, könnt Ihr auch nicht gut lernen. Auch bei sogenannten „schwierigen“ Schwerpunkten könnt Ihr mit einigem Einsatz durchaus hohe Punktzahlen einfahren, viel einfacher als z.B. in Strafrecht. Es ist jedenfalls allemal besser, einen interessanten, wenngleich „schwierigen“ Schwerpunktbereich zu wählen als einen „einfachen“, der Euch nicht interessiert. Und das allerbeste: wenn Allgemeines Verwaltungsrecht mal wieder zu langweilig ist, könnt Ihr dann etwas Interessantes tun und lernt dennoch fürs Examen! Erstes Kriterium muß Euer Interesse und nicht der Ruf des Schwerpunktberichs sein. Noch weniger wichtig ist allerdings das „Prestige“ bei Arbeitgebern, das sich mit der Schwerpunktgruppe verbinden soll. Mein Prüfer im „Gemischten Recht“ (Rechtsanwalt/Wirtschaftsrecht) hat es unserer Gruppe anerkannt, daß wir Rechtsgeschichte und Rechtsphilosophie als Wahlfächer hatten („da machen sie es sich ja nicht einfach“). Und als Rechtsgeschichtler habe ich beruflich immer irgendwas mit IT gemacht.

Fangt auch nicht erst ein Semester vor dem Examen mit dem Schwerpunkt an, die meisten Veranstaltungen an der Uni verlaufen in Zyklen und es ist extrem hilfreich, den gesamten Zyklus besucht zu haben, zumal Ihr dann auch die Chance habt, die Prüfer kennenzulernen.

  1. Gründet eine AG:

Die Frage, ob AG oder nicht, stellt sich eigentlich nicht, egal ob Ihr zum Rep geht oder nicht. Eine AG ohne Rep ist aber naturgemäß intensiver als eine neben einem Rep.

Die Wenigsten schaffen es, sich alleine zu disziplinieren, zu motivieren und zu lernen und sich dann auch noch die Anwendung des Gelernten beizubringen. Eine AG kann auch hilfreich sein, die (unvermeidbaren) Tiefs zu überwinden und sich gegenseitig Mut zu machen. Zusammen macht es einfach mehr Spaß… AG-Partner sorgen auch für den für Viele notwendigen Druck: es gibt wenige peinlichere Situationen, als völlig unvorbereitet einen Fall lösen zu sollen. Die AG-Sitzung ist dann verschwendete Zeit, davon habt Ihr eh zu wenig.

AGs kann man auf vielerlei Weise durchführen. Am sinnvollsten ist es wohl, einen Plan aufzustellen und anhand des Plans dann Fälle, die ein Teilnehmer vorzubereiten hat, zu einem von Allen vorher zu lernenden, eng umgrenzten Themengebiet zu lösen. Der Plan garantiert, daß man nichts Wesentliches vergisst. Und er gibt Euch Freiheiten, von denen Rep-Besucher nur träumen können (wenn Ihr die AG nicht neben dem Rep veranstaltet).

Material für AGs (Pläne, Fälle, Repetitorien etc.) gibt es jedenfalls in Hülle und Fülle. Den AG-Plan solltet Ihr aber selbst aufstellen, das verdeutlicht den Stoffumfang und macht ihn für Euch überschaubar.

  1. Macht Urlaub:

Egal wie Ihr die Examensvorbereitung betreibt, sie ist kein Zuckerschlecken, sondern verdammt anstrengend. Irgendwann ist der Kopf dicht und Ihr völlig fertig. Da ist Urlaub keine vergeudete Zeit, in der Ihr lernen könntet (das klappt dann nämlich sowieso nicht!), sondern für Kopf und Körper dringend notwendige Regenerationszeit. Ihr werdet merken, dass Ihr nach dem Urlaub wieder deutlich effektiver arbeiten könnt. Niemand fordert von Euch, daß Ihr vor dem Examen ausseht wie ein Junkie kurz vorm Tod. Dann fühlt Ihr Euch nämlich bald genauso. Es ergibt sich von selbst, dass das NICHT die sinnvollste Methode der Examensvorbereitung sein kann.
Mich haben einige Leute sehr verwundert angeschaut, dass ich einen Monat vor dem Beginn des Examens noch mal eine Woche weggefahren bin. Aber danach ging es mir deutlich besser als vor dem Urlaub, ich würde sagen, es hat sicher nicht geschadet.

  1. Macht Lernpausen:

Wenn Ihr das Gefühl habt, daß der Kopf „dicht“ ist oder daß Ihr Euch nicht mehr konzentrieren könnt, macht eine Pause. Die menschliche Konzentrationszeit ist begrenzt, viel länger als 45 min am Stück und 5-6 Stunden am Tag kann sich kaum jemand konzentrieren. Dann helfen Pausen. Der Kopf schaltet dabei nicht ab, sondern arbeitet weiter. Das habt Ihr bestimmt auch schon mal erlebt: Ihr denkt verzweifelt über etwas nach und kommt nicht drauf. Dann geht Ihr Schlafen, unterhaltet Euch mit jemandem oder unternehmt sonst etwas völlig anderes, was nicht Eure ganze Konzentration fordert und plötzlich kommt die Erleuchtung wie aus heiterem Himmel. Auch nach dem Lernen arbeitet das Gehirn weiter, wenn Ihr danach etwas anderes (oder auch nichts) tut. Wenn Ihr den Kopf pausenlos mit neuem Wissen vollstopfen wollt, kommt das neue Wissen kaum ins Langzeitgedächtnis, sondern wird sofort durch neues Wissen „überlagert“. Auch deshalb sind Pausen nicht schädlich, sondern hilfreich und wichtig.

Es ist besser, etwas weniger und dafür kontinuierlicher zu arbeiten, als ständig ans Limit zu gehen. Das kann auch den gegenteiligen vom gewünschten Effekt haben und Ihr seid zu schnell ausgepowert oder werdet krank. Kein Marathonläufer kann die 42,195 km im Sprinttempo laufen. Und keiner kann jeden Tag einen Marathon laufen. Wie viel Ihr arbeiten könnt und wollt, müßt Ihr aber mit Euch ausmachen.

  1. Bleibt Mensch:

Das Examen IST wichtig und muß im Mittelpunkt stehen, schließlich bestimmt es wesentlich über Eure Zukunft. Allerdings ist der Mensch ein soziales Wesen und das ändert sich auch bei Euch in der Examensvorbereitung nicht. Ihr mutiert nicht zu einer Karteikarte und nehmt auch nicht wie von selbst deren Bedürfnisse und Gewohnheiten an. Die wenigsten Freundschaften überstehen 1-2 Jahre Kontaktabbruch und dann auch noch die Konfrontation mit einem u.U. ziemlich stark veränderten Menschen. Wenn es mit dem Examen dann doch nicht so toll klappen sollte (das kann ja durchaus passieren, auch wenn ich das von den Lesern dieses Textes natürlich nicht glaube !), seid Ihr am Boden zerstört und habt kaum noch Freunde. Das kann auch nicht der Sinn der Examensvorbereitung sein. Freundschaften sind zu wichtig, um einfach so für das Examen geopfert zu werden. Außerdem hat eine Karteikarte noch nie ein Examen bestanden.

Sport ist elementar wichtig, zum einen um sich „abzureagieren“, zum anderen, weil die Examensvorbereitung auch am Körper zehrt und körperliche Fitness beim Durchstehen des Examens hilft.

Andere Aktivitäten, die Spaß machen, können durchaus hilfreich und aufbauend sein, um aus „Tiefs“ wieder rauszukommen. Es kann auch bei Motivationsschwierigkeiten helfen, wenn Ihr auf ein erfreuliches Ereignis „hinarbeitet“, das muß nicht das Verstehen von Bereicherungsrecht im Dreiecksverhältnis sein. Das kann genauso eine Geburtstagsparty oder ein Theaterbesuch sein. Manchmal ist das sogar motivierender. Ich war selten so gut über die aktuellen Filme informiert wie vor meinen Klausuren, es hat mir wohl nicht geschadet. Selbst Prof. Hager empfiehlt, 1 (!) Abend in der Woche zum Ausgehen zu nutzen. Meiner Meinung nach übertreibt er nicht.

Es sagt jedenfalls niemand, dass Ihr Euch in der Examensvorbereitung nicht auch WIRKLICH gut fühlen dürft, das müßt Ihr Euch nicht nur einreden.

  1. Freischuss oder nicht Freischuss:

Der Freischuss ist eine schöne Methode, die Studenten von einer überlangen Examensvorbereitung abzubringen und das Examen zu beschleunigen (dass es immer noch so lange dauert, kann man jedenfalls nicht mehr den Studenten anlasten). Alles wissen könnt Ihr eh nicht und je mehr Ihr wisst, desto mehr merkt Ihr, was Ihr nicht wisst. Das wusste schon Sokrates. Allerdings ist der Freischuss kein kostenloser Klausurenkurs. Kurz gesagt: geht ins Examen, wenn Ihr Euch halbwegs fit fühlt, wenn’s mit dem Freischuss klappt: hervorragend, wenn’s zum Freischuss nicht reicht, ist es auch nicht schlimm. Das wichtigste ist, dass Ihr mit dem ersten Mal das gewünschte Ergebnis einfahrt.

Seid Ihr nämlich beim Freischuss nicht fit, ist die Gefahr ziemlich groß, dass Euch die Motivation fehlt, Euch noch mal richtig zu quälen. Und das müsst Ihr, um Euch zu verbessern. Sonst besteht die Gefahr, dass sich das erste unbefriedigende Ergebnis noch einmal wiederholt. Insbesondere, wenn Ihr es zur Notenverbesserung noch einmal versucht.

  1. Entspannt Euch vor den Klausuren:

Die „Panik“ überkommt Euch schon früh genug (der Morgen der Klausur reicht völlig, da ist der damit verbundene Adrenalin-Flash sogar hilfreich!), Ihr müßt nicht noch am letzten Tag, Abend oder gar Morgen lernen. Tut lieber Dinge, die Ihr mögt und bei denen Ihr Euch wohlfühlt, wobei „Party bis in den Morgen“ oder „sich komplett zukippen / zukiffen“ wohl von vornherein ausscheiden dürften. Die Wahrscheinlichkeit ist eh so gering, dass Ihr genau das lernt, was drankommt, als dass Ihr Euch damit wild machen müßtet. Auch wenn immer wieder solche Zufälle auftauchen, bei den Meisten tauchen sie eben nicht auf. Ich habe mir auch vor den Klausuren Gedanken gemacht, was drankommen könnte und lag JEDES Mal meilenweit daneben (gut dass ich meiner Eingebung da nicht gefolgt bin!). Das Gehirn arbeitet sowieso unterbewußt mit, das könnt Ihr kaum abschalten, laßt es in Ruhe „seinen Job“ tun, es ist nicht der Schlechteste…

Die Gefahr ist ausserdem, dass Ihr DENKT, dass Ihr „den Fall von gestern“ kennt und verzweifelt versucht, Euch an die Probleme und ihre richtige Lösung zu erinnern, statt ihn normal mit der „Hausapotheke“ zu lösen. Mit der normalen, richtig angewendeten „Hausapotheke“ solltet Ihr eigentlich schon bequem ins „befriedigend“ kommen, alles darüber hinaus ist sowieso Glückssache.

Es soll auch schon Kandidaten gegeben haben, die dachten, den Fall zu kennen und den bekannten Fall gelöst haben. Der hatte bedauerlicherweise nur wenig mit dem realen Fall zu tun.

Was denkst du?