Das Delegieren an Delegierte delegieren … oder so.

Es gibt anscheinend ein wenig Verwirrung um Begriffe, die scheinbar das Gleiche meinen, aber doch nicht das Gleiche sind. Nämlich um Delegierte und Übertragungen [1] bei Liquid Feedback. Da wird gerne mal argumentiert, es sei unlogisch, dass wir einerseits keine Delegierten wollten, andererseits aber Teile unserer Mitglieder „Delegationen“ in Liquid Feedback für unerlässlich halten.

Das wäre dann logisch und ein Widerspruch, wenn „Delegationen“ bei Liquid Feedback das gleiche wären wie Delegierte bei den Parteien mit Delegiertenprinzip. Oder wenigstens vergleichbar und mehr gemeinsam hätten, als den Namen. Schauen wir uns dafür mal die Delegierten bei den anderen Parteien und danach Übertragungen in Onlinetools etwas näher an.

Was passiert da?

Die Basis in Person von Heinz Basisgurke wählt einen oder mehrere Menschen, die dann die Basis auf der nächsthöheren Ebene vertreten. Diese können dann abstimmen, wie sie wollen, sollten dies allerdings so tun, wie es die Mehrheit der Basis will. Sonst wird es das mit dem Delegiertendasein gewesen sein. Der Nachteil dieser Konstruktion ist, dass die Mehrheit, die die Delegierten bestimmt, nicht unbedingt dafür sorgt, dass die Minderheit mitreden kann. Im Extremfall kann es also dazu kommen, dass 51% der Mitglieder 100% der Delegierten bestimmen. Das ist natürlich nicht die Realität und nach dem, was ich gehört habe, stimmen – so es denn mehrere Delegierte gibt – diese ähnlich den Stimmen der Basis ab. Wenn das denn möglich ist. Das ändert aber nichts daran, dass jedes Mitglied seine Stimme an einen Delegierten abgeben muss. Ob der Delegierte dann tut, was jeder einzelne gerne hätte, ist eher fraglich. Und um die Einwirkungsmöglichkeiten von Heinz Basisgurke noch weiter zu vermindern, wählt „sein“ Delegierter noch andere Delegierte, auf die er keinen Einfluss hat. Und so weiter bis zur höchsten Ebene. Entsprechend gefiltert werden dann natürlich die Meinungen und Stimmungen der Basis.

Ja, mir ist bewusst, dass es bei jeder Partei ein wenig anders läuft. Am Grundproblem des schwindenden Einflusses von Heinz Basisgurke ändert sich wenig bis nichts.

Was könnte Heinz also tun? Er kann sich richtig reinhängen, jede Ortsverbandssitzung besuchen, fleissig Plakate kleben, Anträge schreiben und dann in der Delegiertenhierarchie langsam aufsteigen. Das dauert dann je nach Partei ein paar Jahre mehr oder weniger.

Was passiert bei Delegationen in Online-Tools?

In den mir bekannten Online-Tools (PirateFB, vMB, LS, LQFB, Adhocracy) hat Heinz Basisgurke die Wahl, ob er selbst abstimmt oder sein Stimmrecht jemand anderem überträgt. Das gilt grundsätzlich so lange, bis die „delegierende“ Person selbst abstimmt (Ausnahme vMB, dazu später). Mit der Übertragung des Stimmrechts ist die eigene Abstimmmöglichkeit also nicht weg, sondern Heinz Basisgurke kann sie sich jederzeit wieder holen oder jemand anderem übertragen (außer bei LS nach der ersten Abstimmung). Bei PirateFB, LQFB und (wohl auch adhocracy) je nach Ausgestaltung der Übertragungsregeln (ja ich weiss, die Software muss dafür meistens angepasst werden) kann derjenige die Stimmrechte weiter übertragen, sie selbst ausüben oder auch nicht. Man kann sich vorstellen, dass das Stimmgewicht bei jeder Weitergabe abnimmt, dass die Weitergabe beschränkt wird, Präferenz“delegationen“ einrichten… der Phantasie sind hier wenige Grenzen gesetzt.

Und jetzt Empörung! Wie, auch beim LS und beim vMB kann man „delegieren“?!einsdrölf?1?!  Aber klar, Heinz Basisgurke muss nur den Token weiterreichen und schon stimmt jemand anders für ihn ab. Ohne dass dies irgendjemand erkennen kann, nicht mal er selbst kann sehen, wer eigentlich abgestimmt hat. Er kann zB beim vMB beim Weiterreichen auch nicht verhindern, dass, wenn er doch selbst abstimmt, er nicht anschließend von jemandem überstimmt wird, bei seinem eigenen Token. Bei LS hingegen ist die Stimmabgabe endgültig und unwiderruflich.

Auch bei BPTs und LPTs gibt es Stimmrechtsübertragungen. Da fragt Heinz Basisgurke dann einfach jemanden, den er für kompetent hält, wie er abstimmen soll. Im günstigsten Fall reicht die Zeit, sich noch eine Begründung zu holen. Und im optimalen Fall hat er auch noch jemanden gefragt, der sich wirklich auskennt.

Warum eigentlich Stimmrechtsübertragungen?

In dem Grundsatzprogramm der Piratenpartei gibt es 19 Themenbereiche, in LQFB ebenfalls (nicht deckungsgleich), bei PirateFB 15. Es laufen bei LQFB durchschnittlich pro Tag einige neue Initiativen ein und einige werden abgestimmt. Jeden Tag. Im Bund. Und in manchen Ländern wird auch politisch gearbeitet. Da bedarf es keiner besonderen Begründung, dass sich niemand über alle Themenbereiche und Initiativen gleichmäßig gut informieren kann. Das geht übrigens auch bei einem BPT oder LPT nicht. Also geht nicht im Sinne von geht nicht.

Das heißt also, wir laufen in einen Zielkonflikt zwischen drei verfolgbaren Zielen:

  • Hohe Beteiligungsquote: nur diese sichert eine gewisse Legitimität der Entscheidung.
  • Informierte Entscheidung: eine Entscheidung, bei der 3/4 der Abstimmenden die Implikationen nicht erkennen, sollte besser durch Würfeln getroffen werden. Ansonsten entscheidet das Bauchgefühl und letztendlich Populismus, jedenfalls nur zufällig die Sachargumentation. Eine informierte Entscheidung kann man jedoch nicht erzwingen, nur ermöglichen.
  • Eigene Stimmrechtsausübung: jeder soll die Möglichkeit haben, selbst abzustimmen, wenn die Person das will. Sonst haben wir ein Delegiertensystem. Also ein echtes.

Nur zwei der drei Ziele sind gleichzeitig erreichbar: entweder es entsteht eine hohe Beteiligung und eine informierte Entscheidung, dann muss die Möglichkeit der Stimmrechtsübertragung bestehen. Oder jede an einer Abstimmung teilnehmende Person stimmt informiert selbst ab, dann wird in der Regel eine niedrige Beteiligungsquote die Folge sein. Oder es gibt eine hohe Beteiligungsquote bei einer eigenen Stimmrechtsausübung jeder abstimmenden Person, dann wird bei komplexeren Themen die informierte Entscheidung auf der Strecke bleiben.

Einen Tod muss man also sterben. Da wir alle wohl kein echtes Delegiertensystem wollen und möglichst informierte Abstimmungen bei einer möglichst hohen Beteiligungsquote das Ziel sein sollten, komme ich für mich dazu, dass Stimmrechtsübertragungen möglich sein müssen. Damit ist noch nichts zu der Art und Weise gesagt, wie diese ausgestaltet sind. Und wie schon gezeigt, in Online-Tools kann man sie nicht ausschließen.

Bei Briefwahlen kann man sie übrigens auch nicht ausschließen, Seniorenresidenzen haben nicht umsonst traditionell einen erstaunlich hohen Anteil an Grünen-Wählern unter den Bewohnern. Das kommt sicher nicht von den ganzen Fans der Grünen, die dort wohnen… trotzdem zieht niemand ernsthaft die Legitimität von Briefwahlen in Zweifel, selbst das BVerfG hält eine Missbrauchsmöglichkeit zugunsten einer höheren Wahlbeteiligung grundsätzlich für tragbar. Es gibt keinen wirklich guten Grund, etwas, das für Wahlen zulässig ist, innerhalb einer Partei zu verbieten.

Wo ist der große Unterschied?

Delegierte sind genauso wie Personen, an die jemand seine Stimme überträgt, frei in ihren Entscheidungen, was sie mit dieser Stimme tun. Allerdings sind Delegierte sozusagen „Fire-and-Forget“-Delegationen: einmal gewählt wird man sie bis zur nächsten Wahl nicht mehr los, auch wenn man wollte. Heinz Basisgurke ist seine Stimme los und zwar endgültig bis ein neuer Delegierter gewählt wird. Und wenn er dummerweise zu einer Minderheit auf seiner Gliederungsebene gehört, sehr sehr lange bis immer.

Stimmrechtsübertragungen dagegen sind widerruflich und zwar immer. Auch nachdem derjenige, auf den übertragen wurde, abgestimmt hat, soweit dies nicht erst sehr kurz vor Ende geschieht. Der Empfänger der Stimmrechtsübertragung hat also keine Narrenfreiheit, weil einerseits sein Verhalten Einfluss darauf hat, ob er die Stimmen behält und andererseits, weil der Übertragende auch ohne Anlass jederzeit selbst abstimmen kann. (Ja, ich weiss, das setzt voraus, dass man sich um seine Übertragungen kümmert und das ist nicht immer der Fall. )

Probleme gibt es nicht?

Natürlich gibt es sie, sie werden zur Genüge aufgezählt. Manche von diesen kann man durch geschickte Regelungen für Delegationen recht einfach deutlich reduzieren, z.B. die berüchtigten „Fire-and-Forget“-Generalübertragungen oder Kettenübertragungen in LQFB. Bei anderen geht es schlicht um eine Abwägung, ob die möglichen Nachteile gegenüber den möglichen Vorteilen überwiegen wie z.B. bei der Frage, ob Ketten- bzw. Präferenzdelegationen zulässig sein sollen. Das sind aber meines Erachtens keine Fragen, ob man Delegationen will oder nicht, sondern eine Frage der Regelwerke, die verwendet werden.

Fazit

Es ist nun mal eine Tatsache: Politik kostet Zeit. So oder so. Entweder Heinz Basisgurke muss sich in jedes Thema einlesen, um verantwortlich abstimmen zu können oder er muss denjenigen überwachen und sorgfältig auswählen, dem er seine Stimme überträgt oder er hält sich von den meisten Abstimmungen fern. Letzteres kann aber weder das Ziel einer Partei sein, die sich für mehr Mitbestimmung einsetzt noch ist es realistisch.

[1] Ich verwende hier absichtlich „Übertragung“, damit klar wird, dass die beiden Sachverhalte weniger miteinander gemein haben als der Wortstamm suggerieren mag.

Befangenheit und so

Das Blog hier heisst ja „Gedanken und Recht“, rechtliches kam bisher ziemlich kurz, aber jetzt doch mal wieder. Heute geht’s mal um den schillernden Begriff „Befangenheit“, der immer mal wieder gerne in Diskussionen fällt. Ohne dass eigentlich klar ist, was er eigentlich bedeutet.

Zunächst mal ein Schock: „die Befangenheit“ gibt es gar nicht. In verschiedenen Gesetzen und Prozessordnungen wird Befangenheit definiert und zwar auch noch mit  unterschiedlichen Voraussetzungen. (Eigentlich ist es die „Besorgnis der Befangenheit, der Kürze halber passe ich mich aber an den allgemeinen Sprachgebrauch an.) Darauf komme ich später noch zurück, nämlich was das für die Piraten in der SGO heißt. Hier werde ich mich nur um die Befangenheit in der StPO kümmern, da diese die strengsten Maßstäbe hat und das auch nur überblicksmäßig darstellen, das wird ja keine Doktorarbeit.

Aber bevor wir mit der Befangenheit anfangen, kommt noch ein kleines Vorspiel, nämlich die Aufgabe von Richtern und Gerichten. Entgegen verbreiteter Auffassungen wenden Gerichte nicht nur Recht an und legen Gesetze aus (rechtliche Bewertung), sondern sie stellen vor allem Sachverhalte fest (Sachverhaltsseite). Das ist der eigentlich schwierigere Teil der Aufgabe. Denn bevor man überhaupt ein Gesetz anwenden kann und weiss, welches Gesetz anwendbar ist, muss das Gericht erst einmal feststellen, worüber es urteilen soll und kann. Das erzählen dem Richter zwar die Prozessparteien, aber die erzählen eben auch gerne Mist und auch nur das, was ihnen passt. Die ganze Wahrheit hört man selten von einer Partei. Die Feststellung des Sachverhalts geschieht zwar auf Grund von bestimmten Regeln, die in den Prozessordnungen festgeschrieben sind, aber es braucht nicht viel Phantasie um sich auszudenken, dass Gerichte hier ziemlich viel Spielraum haben. Sie können eben nicht wissen, was wirklich passiert ist, sondern sich nur ein wahrscheinliches Bild davon machen. Das ist dann die sog. prozessuale Wahrheit, die sich häufig von der Wahrheit mindestens einer der Prozessparteien deutlich unterscheidet. Und da spielen sehr viele Dinge mit herein:

  • eigene Erfahrungen des Gerichts in vergleichbaren Situationen (ein Staatsanwalt hat schon mal ein Verfahren eingestellt, weil er als Staatsanwalt bei der Arbeitsagentur nicht zum Sachbearbeiter durchgekommen ist und der Angeklagte das gleiche behauptet hat (ja, ein Staatsanwalt ist kein Gericht, ich weiss))
  • Glaubwürdigkeit von Zeugen (eines der großen Streitthemen überhaupt)
  • die eigene Situation des Richters (Richter, die zur Miete wohnen, sind häufig mieterfreundlicher als Richter, die Vermieter sind)
  • persönliche Bekanntschaften
  • persönliche Involviertheit in der Sache
  • Alle möglichen anderen Dinge, könnt Ihr Euch ausdenken, nichts dürfte so absurd sein, dass es das nicht schon einmal gegeben hätte

Daraus kann man erkennen, dass Richter, wenn sie denn ein Urteil manipulieren wollen, dies sehr viel einfacher auf der Sachverhaltsseite tun können, als auf der rechtlichen Ebene. Die rechtliche Ebene ist eben dadurch gekennzeichnet, dass es Gesetze gibt. Dort gibt es zwar umstrittene Fragen, die nicht geklärt sind, aber nicht überall und es ist nicht garantiert, dass die Mindermeinung auch zu dem gewünschten Ergebnis passt, sollte es eines geben. Natürlich kann sich ein Richter einer Mindermeinung anschließen oder eine neue erfinden, die Wahrscheinlichkeit ist nur eben nicht sehr hoch, dass sich die nächste Instanz dem anschließt. Außerdem ist so etwas doch schon sehr offensichtlich und wird unangenehme Fragen aufwerfen. Darum ist es viel einfacher die Tatsachenseite zu manipulieren, um die passenden Gesetze in Anwendung bringen zu können. Die Fälle, in denen die Tatsachen nicht umstritten sind und nur um die Auslegung eines passenden Gesetzes gestritten wird, existieren zwar auch, sind aber vergleichsweise selten.

Was heisst das für die Befangenheit? Befangenheit ist zunächst, um mit dem Bundesverfassungsgericht zu sprechen, „wenn ein am Verfahren Beteiligter bei vernünftiger Würdigung aller Umstände Anlass hat, an der Unvoreingenommenheit des Richters zu zweifeln.“ Damit kann man an sich nicht viel anfangen, deshalb hat die Rechtsprechung in jahrelanger Arbeit Fallgruppen gebildet, in denen bei vernünftiger Würdigung Zweifel an der Unvoreingenommenheit bestehen, weil ja jeder sich für vernünftig hält, besonders wenn die Meinung des Richters nicht passt…

Die Regelungen zur Befangenheit beziehen sich – auch wenn es so in der StPO nicht steht – vor allem auf die Tatsachenseite einer Entscheidung oder auf Bereiche, wo Richter einen Spielraum haben. Im Strafrecht sind das z.B. Fragen, wo es um die Person des Täters geht, die relevant für die Strafzumessung sind. Befangenheit ist danach z.B. gegeben, wenn

  • der Angeklagte Ausländer ist und der Richter sich ausländerfeindlich äußert 
  • das Opfer bzw. Täter die Ehepartner, Verlobte(r) oder sonstige genannte Verwandte sind
  • ein Schöffe sich nicht als rechtstreu bezeichnet und dementsprechend handelt
  • Richter unnötige Werturteile über Angeklagte geäußert haben
  • Richter eindeutige Positionierungen gegenüber Prozesshandlungen von sich geben, die über bloße Ratschläge hinausgehen

Das sind jetzt alles Beispiele aus der StPO, § 24, Beckscher Online Kommentar. Die Rechtsprechung dazu ist ziemlich uferlos, weil auch vor Gericht immer wieder gerne versucht wird, Gerichte mit Befangenheitsanträgen zu torpedieren.

Was fehlt in der Aufzählung?

  • Rechtliche Stellungnahmen begründen in der Regel nicht die Besorgnis der Befangenheit. Eine rechtliche Meinung zu haben ist Aufgabe eines Richters und kein Grund für die Befangenheit. Ansonsten wäre ein Jurastudium schädlich…
  • Vorbefassung in der Sache. Selbst ein Richter, der in einer vorhergehenden Instanz Berichterstatter in einem Verfahren war und damit den Sachverhalt aufbereitet und eine erste Meinung abgegeben hat, ist nicht automatisch befangen. Dafür müssen noch andere Punkte hinzukommen. Er ist hingegen ausgeschlossen, wenn er selbst das Urteil unterzeichnet hat, § 23 StPO.
  • Rechtswidriges Verhalten begründet auch nicht automatisch die Befangenheit.
  • Sonstige Äußerungen außerhalb des Verfahrens. Auch Richter dürfen eine Meinung haben und sie äußern.

Eine Grenze haben die Äußerungen auch, nämlich den § 2 Abs. 3 SGO. Der gilt aber nur für Äußerungen des Richters außerhalb des Verfahrens über Verfahrensinterna und auch erst nach Einreichung der Klage. Vorher kann ein Richter nicht wissen, dass es überhaupt einen Fall gibt, in dem er sich zurückhalten müsste.

Was heißt das ganze jetzt für die SGO?

Zunächst einmal muss man sich vergegenwärtigen, dass diese Grundsätze für Richter an staatlichen Gerichten gelten, bei denen ein unabhängiger Richter von Art. 101 GG ein grundrechtlich garantiertes Recht ist. Derartige Maßstäbe gelten nicht ohne weiteres für Schiedsgerichte von Parteien. Dann muss man sich vergewärtigen, dass die Befangenheit je nach Fallkonstellation unterschiedlich ausgelegt wird, das VwVfG hat also andere Regelungen als die StPO. Daraus folgt, dass auch die Maßstäbe der einzelnen Regelungen zur Befangenheit nicht ohne weiteres auf Parteischiedsgerichte übertragbar sind und dass die Piratenpartei unabhängig von den Regelungen zu staatlichen Gerichten eigene Maßstäbe entwickeln kann. Wenn aber schon nach den Maßstäben, die z.B. die StPO an die Befangenheit anlegt, keine Befangenheit vorliegt, wird dies wohl erst recht für ein Schiedsgericht gelten müssen, an das schon allein wegen des fehlenden Grundrechtsschutzes schwächere Anforderungen zu stellen sind.

Des Weiteren wird man sich überlegen müssen, dass Schiedsrichter in Parteien üblicherweise aus den aktiven und als rechtlich kompetent eingeschätzten Mitgliedern der Partei rekrutiert werden, die üblicherweise in vielen Prozessen innerhalb der Partei eingebunden sind. Gerade deshalb werden sie ja gewählt und in der Regel keine völlig unbekannten Personen, die noch nie durch irgendwelche Aktivitäten aufgefallen sind. Da aus einer Tätigkeit in einem Schiedsgericht kein Tätigkeitsverbot in anderen Bereichen der Partei resultiert und die Meinungsfreiheit weiterhin besteht, wird man wohl damit leben müssen, dass sich Schiedsrichter gerade auch zu rechtlichen Fragen äußern, ohne dass daraus zwangsläufig die Besorgnis der Befangenheit entsteht. Sie kann entstehen, dafür wird man wohl höhere Maßstäbe anlegen müssen als eine Tätigkeit in der Partei, die Berührungspunkte zu einem Verfahren hat oder Äußerungen zu einem Sachverhalt, der später Verfahrensgegenstand wird. Insbesondere dürfte ein Verhalten dazu zählen, bei dem der Richter erkennen lässt, dass er nicht bereit ist, von seiner einmal gefassten Meinung abzurücken, sei es auch durch noch so gute Argumente. 

Wer noch mehr dazu lesen will, der Große Vorsitzende des BSG hat seinerseits eine ebenso amüsante und lesenswerte wie fundierte Stellungnahme zu einem Befangenheitsantrag abgegeben: http://pastebin.com/fwmDY4A4

Diese Stellungnahme führte übrigens zur Besorgnis seiner Befangenheit in dem fraglichen Verfahren.

Stellungnahme des LSG HE zur Entscheidung 2013-04-22-1

Am Montag mittag erreichte das LSG HE die Klage eines Mitglieds, die auf Beendigung des derzeit laufenden virtuellen Meinungsbilds (vMB) zu Anforderungen an Abstimmungswerkzeuge zielte.

Das Mitglied argumentierte damit, dass das vMB weder neutral formuliert sei noch es sich um eine politische Positionierung des Landesverbandes handele und damit die satzungsgemäßen Voraussetzungen eines positionierenden sowie auch eines einfachen vMB nicht gegeben seien.
Daneben argumentiert das Mitglied, dass das vMB in seiner satzungsmäßigen Ausgestaltung kein zulässiges Organ sei, um Beschlüsse, und sei es auch nur vorläufige, für den Landesverband zu treffen. Das resultiere daraus, dass das vMB nicht als Organ in der Satzung genannt sei, aber nur Organe des Landesverbandes Entscheidungen treffen können.
Das Landesschiedsgericht hat in seiner heutigen Sitzung beschlossen, das derzeit laufende vMB abzubrechen und die Nutzung des virtuellen Meinungsbildtools für verbindliche Positionen ab sofort bis zu einer Entscheidung in der Hauptsache zu untersagen. Andernfalls bestünde die Möglichkeit, dass weiterhin Positionen des LV Hessen ohne jegliche Rechtsgrundlage beschlossen würden. Daher war die Nutzung des vMB bis zu einer endgültigen Entscheidung zu unterbinden.
Das Landesschiedsgericht ist sich der Tragweite seines Beschlusses durchaus bewusst. In einer Güterabwägung zwischen den Beteiligungsrechten, der Intention des Satzungsabschnittes und den Rechten des Antragsstellers, haben wir den Beschluss in einer 2 stündigen Sitzung getroffen.
Der Landesvorstand kann gegen diese Entscheidung Widerspruch einlegen und eine Verhandlung herbeiführen.
Unabhängig von einem Widerspruch gilt diese Entscheidung nur bis zu einer Entscheidung in der Hauptsache. Diese ist durch die heute getroffene Entscheidung nicht vorweggenommen. Vor einer Entscheidung in der Hauptsache wird in jedem Fall eine Verhandlung durchgeführt, in der beiden Seiten die Gelegenheit zu einer ausführlichen Stellungnahme gegeben wird.
Das LSG HE
Ruben Bridgewater (Vorsitzender Richter), Jan Leutert, Bernhard Kern

BDA – nur dagegen?

Es geht um die Bestandsdatenauskunft. Mal wieder ein Gesetz, das notwendig, unverzichtbar und alternativlos für die Strafverfolgung im Internet ist. Weil ansonsten Strafverfolgung nicht möglich und das Internet ein rechtsfreier Raum ist. Die Begründung habt ihr schon mal gehört? Kein Wunder, gehört sie doch zum Standardrepertoire aus Angstmacherei und Aktivismus der Sicherheitsbehörden, allen voran des BMI.

So weit, so schlecht.

Was es mal wieder nicht gibt sind halbwegs seriöse und aussagefähige Statistiken, wie viele Fälle eigentlich nicht aufgeklärt (und dann auch abgeurteilt…) werden, nur weil man wegen der fehlenden Bestandsdatenauskunft an keine Daten kommt. Kommt Euch auch bekannt vor? Ist auch kein Wunder, dann ließe sich dieses Allheilmittel nämlich entzaubern. Wie so viele andere Sicherheitsgesetze auch. Die werden dann zwar beschlossen, weil die Opposition Angst hat, diffamiert zu werden (Hallo, Zensursula!), bleiben aber wirkungslos oder werden vom BVerfG kassiert. Wie nahezu jedes Sicherheitsgesetz der letzten 15 Jahre. Und trotzdem ist Deutschland nicht untergegangen, wurde nicht zu einer Kriminalitätshölle und auch nicht jeder wurde zu einem Opfer gemeiner Straftaten, die anschließend nicht aufgeklärt werden konnten. Komisch, oder?

Vielleicht auch nicht, wenn man der These folgt, dass die ganzen Gesetze von vornherein nicht notwendig, unsinnig und schlecht gemacht waren und nicht der „Verbesserung der Sicherheit“ sondern nur der Verbesserung des Sicherheitsgefühls und insbesondere der Profilierung der Sicherheitspolitiker dienen sollen. Das tun sie. Aber leider auf Kosten der Freiheit, unserer Freiheit und der der nachfolgenden Generationen.

Sollten wir also dem etwas entegegensetzen? Ja. Und zwar Protest.

Nicht mehr, einen eigenen Entwurf etwa? Nein. Wir müssen das Spiel nicht mitspielen und die Sicherheit vermeintlich erhöhen indem wir Grundrechte einschränken. Machen wir Schluss mit dem Spiel und nennen wir es öffentlich als das, was es ist: Wählertäuschung und Stimmenfang.

Tools, Tools und Tools

Darum ging es nicht auf der SMVCon. Sondern um Zuhören, Diskutieren und das Finden von Gemeinsamkeiten.

Heraus kam Folgendes Mission Statement:

Die Teilnehmenden der SMVCon sind mehrheitlich der Auffassung:

Der Bedarf für ein verbindliches Entscheidungsinstrument außerhalb und neben Bundesparteitagen wird festgestellt. Der Bundesparteitag soll daher neben den physischen Mitgliederversammlungen online als Ständige Mitgliederversammlung (SMV) tagen, an der alle Mitglieder das Recht zur Teilnahme haben.

Die SMV soll nach den Prinzipien der Liquid Democracy tagen, die in der Geschäftsordnung der SMV niedergeschrieben werden. Die Ständige Mitgliederversammlung soll verbindliche Stellungnahmen, Positionspapiere und über das Parteiprogramm beschließen können. Darüber hinaus soll sie Empfehlungen an die Gremien und Mitglieder von Parlamentsfraktionen der Partei geben können.

Dabei wird die erste Ausgestaltung der Geschäftsordnung und der Prinzipien von Liquid Democracy vom Bundesparteitag getroffen und danach von der SMV selbst verwaltet.

Und dafür haben wir uns zwei Tage um die Ohren geschlagen, 80 Piraten sind quer durch die Republik gefahren?

Dafür wäre das Ergebnis in der Tat etwas dünn. Wir können das Ergebnis aber auch anders lesen. 80 Piraten aus nahezu allen Landesverbänden haben sich vernünftig, weitgehend jenseits ideologischer Gräben zugehört und miteinander geredet. Die Beteiligten haben ein gemeinsames Verständnis, was eigentlich die SMV ist, welche Lösungen es gibt  und welche keine Lösungen sind oder welche an sich guten Ideen wohl keine Mehrheiten finden werden. Wir sind uns einig geworden: wir wollen eine SMV und wir sehen einen gemeinsamen Weg, diese so zu beantragen, dass zumindest alle auf der SMVCon Anwesenden den Weg mitgehen können. Und ja, dieses Ergebnis IST angesichts des Themas ein Erfolg. Allerdings: wir haben natürlich nicht für alle strittigen Themen Lösungen gefunden und diese formuliert und können noch nicht für den nächsten Parteitag eine startfähige, mit voller GO ausgestattete und mit einem sauberen Akkreditierungsprozess ausgestattete SMV vorstellen. Deshalb wird es für Neumarkt nur einen Sattzungsänderungsantrag geben, dass eine SMV eingeführt werden soll. Das war recht ein recht schnell gefundener Konsens.

Den „Rest“ der Zeit haben wir mit einer Anforderungsanalyse verbracht. Die wird nicht unmittelbar wichtig für Neumarkt, spiegelte aber ein gemeinsames Verständnis des Organs SMV wieder. Dabei kam z.B. (die genauen Ergebnisse findet Ihr dann demnächst hier: http://smvcon.piratenpartei-mv.de/) neben den Ergebnisses des Mission Statement heraus:

  • Die SMV soll ein rein softwarebasiertes Tool sein. Es wurde kurz über eine andere Möglichkeit diskutiert, offline abzustimmen, dies hat aber keine Mehrheit gefunden. Es erscheint mir auch widersinnig: wir setzen uns dafür ein, dass Maschinen die Arbeiten übernehmen sollen, die sie auch übernehmen können und Menschen sich dafür mit den Dingen beschäftigen sollen, die Spaß machen. Und dann sollen wir ohne Not eine große Zahl von aktiven Mitgliedern damit beschäftigen, Urnen zu bewachen und durch die Gegend zu fahren und Stimmzettel zu zählen?
  • Es ist grundsätzlich mit großer Mehrheit gewünscht, dass die SMV auch über Satzungsfragen abstimmen können soll. Im ersten Schritt wird das noch nicht implementiert, weil es Bedenken gibt, dass eine so zustande gekommene Satzungsänderung gegen das PartG verstoßen könnte. Es bestand aber (zumindest) weitgehender Konsens, dass wir eine Änderung des PartG anstreben, um Abstimmungen über Satzungsfragen zu ermöglichen.
  • Eine SMV ohne Delegationen wäre wohl nicht mehrheitsfähig, es gab allerdings auch große Bedenken hinsichtlich völlig unbeschränkter Delegationen und langer Delegationsketten. Es konnten sich aber sehr viele Teilnehmer mit der Option anfreunden, dass der Delegierende eine weitgehende Wahlfreiheit hinsichtlich verschiedener Delegationsoptionen haben soll.
  • Die SMV soll – nach dem Beschluss über die erste GO auf dem BPT nach Neumarkt – über ihre eigene GO abstimmen können. Dies erscheint logisch, weil jedes Organ seine eigene GO festlegt. Eine Änderung in der SMV ermöglicht es auch, auf Fehler schnell und flexibel zu reagieren, dies nur dem BPT zu überlassen kann dazu führen, dass die Änderung sehr lange dauern kann, wenn auf einem BPT wegen wichtigerer Fragen keine oder zu wenig Zeit zur Verfügung steht. Allerdings kann die GO jederzeit durch den BPT geändert werden, es ist rechtlich nicht möglich eine gegenüber dem BPT änderungsfeste GO zu implementieren. Der BPT kann allerdings – auch nachträglich – der SMV „verbieten“ ihre GO zu ändern, wenn sich das Änderungsverfahren in der SMV als unpraktikabel erweist.
  • Geheime Abstimmungen werden aus technischen Gründen nicht möglich sein, es wird allerdings ein Quorum geben, bei dessen Erreichen eine Abstimmung abgebrochen wird und auf dem anschließenden BPT geheim abgestimmt werden wird.
  • Die detaillierteren Ergebnisse sind derzeit nicht online, deshalb beschränke ich mich auf die Punkte, die ich im Kopf habe und die Ergebnisse, bei denen ich mir sicher bin.

Der weitere Weg der SMV wird wohl so aussehen:

Es wird ein Neumarkt einen Satzungsänderungsantrag geben, der eine SMV etablieren wird. Ein möglicher Entwurf wurde auf der SMVCon präsentiert, dieser orientiert sich an der Satzung von Mecklenburg-Vorpommern.

In der Folge wird es (mindestens eine) weitere SMVCon geben, die sich mit der detaillierteren Ausgestaltung der GO beschäftigen sollen und dem Weg, der bis zum BPT 13.2 gegangen werden soll.

Ich hatte vor Beginn der Veranstaltung Zweifel, ob am Ende ein Ergebnis oder allgemeine Verzweiflung stehen würde, mittlerweile bin ich aber optimistisch, dass wir in Neumarkt die Geburt einer SMV werden bestaunen können. Kein Graben hat sich auf der SMVCon als so tief erwiesen, dass es nicht möglich gewesen wäre, ihn nicht mit einem Kompromiss zu überbrücken.

Und ich bin wohl nicht der einzige, dem es so ging: http://pirati.ca/display/heluecht/327183

Und was natürlich nicht fehlen darf: ein herzlicher Dank an die Veranstalter und die Orga und alle Teilnehmer für die großartige Veranstaltung!

Basisbeteiligung und Fraktionen im Parlament

tl;dr Vorsicht, lang! Sehr lang. Hier geht es um die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Basis und Fraktionen im parlamentarischen Alltag und die dafür aus meiner Sicht notwendigen Eigenschaften von Tools, um die Zusammenarbeit zu gestalten. Die Bürger lasse ich erst mal noch weg, aber grundsätzlich gilt das Gleiche, allerdings muss man sich zu den Tools noch weitere Gedanken machen.

 

Die Ausgangslage

Wir Piraten sind angetreten, Politik anders zu machen. Teil davon ist die Erarbeitung der politischen Positionen durch die Parteibasis, nicht durch den Vorstand und erst recht nicht durch Mandatsträger. Dafür haben wir inzwischen einen Haufen Methoden und Tools erarbeitet, die wir unterschiedlich intensiv nutzen: das Wiki, die Pads, Liquid Feedback, Pirate Feedback, BasDem, LimeSurvey, vMB… Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Tools.

Im Bundestag und in den Landtagen wird es eine andere Situation geben, als sie bisher in parteiintern besteht. Den Umbruch habe ich in Berlin miterlebt und ich bin mir recht sicher, dass es in den anderen Ländern nicht anders war.

Wir haben und werden relativ gut ausgestattete Fraktionen mit eigenen Mitarbeitern haben, diese sind eingebunden in ein festes System der parlamentarischen Abläufe, die die Piraten nur sehr beschränkt beeinflussen können. Und in dieses System müssen wir unsere Abläufe einbringen und unsere Abläufe so weit darauf einstellen, dass die Fraktionen überhaupt die Möglichkeit haben, Vorstellungen der Basis (und später idealerweise der Bürger, darum wird es hier aber noch nicht gehen) einfließen zu lassen und zwar auf einem anderen Weg, als dies bisher bei den anderen Parteien der Fall ist. Ansonsten wären wir bloß eine weitere Partei mit vielleicht etwas anderen Inhalten.

 

Zusammenarbeit im parlamentarischen Alltag

Die Fraktionen haben im Wesentlichen drei Arten von Entscheidungen zu treffen, bei denen sie die Basis einbinden können. Diese haben jeweils unterschiedliche Anforderungen an eine effektive Basisbeteiligung.

Da wäre zunächst die Arbeit an Vorlagen, die entweder aus anderen Fraktionen oder von der Bundesregierung bzw. dem Bundesrat kommen. Hier sind die Gestaltungsmöglichkeiten einerseits wegen des feststehenden Inhalts und andererseits wegen der feststehenden parlamentarischen Fristen relativ gering. Hier kann eine Fraktion vielleicht Änderungsvorschläge einbringen, eine grundlegende Alternative und dazu noch innerhalb der Frist zu entwerfen, wird nur in extremen Ausnahmefällen möglich sein. Demnach geht es hier in aller Regel darum, wie die Fraktion sich zu der Vorlage stellen soll. Auf Grund der parlamentarischen Realitäten wird dies aber auf den Ausgang der Abstimmung eher geringe Auswirkungen haben. Hier wird es darum gehen, die Vorlagen der Basis zur Verfügung zu stellen und in einem Abstimmungssystem den Fraktionen eine Grundlage für die Entscheidung zu geben. Das schließt nicht die Erarbeitung von Alternativen aus, dies wird aber wegen des erheblichen damit verbundenen Aufwands die Ausnahme sein.

Dann gäbe es die Initiativen der Basis. Das ist insofern spannend, als es eigentlich das Versprechen der Piraten ist. Für die Basis setzt eine Beteiligungsmöglichkeit voraus, dass es ein Tool gibt, mit dem man Initiativen ausarbeiten und verbessern kann. Für die Fraktionen muss es eine Möglichkeit geben, zu überprüfen, ob die Initiative eine substantielle Unterstützung in der Basis erfährt oder ob sie nur von einer kleinen Gruppe getragen wird. Da die Fraktion und insbesondere die Abgeordneten nicht in jedem Gebiet, in dem Initiativen entstehen, Expertise haben können, brauchen sie diese quantitative und qualitative Rückmeldung.

Die Alternative ist der permanente Shitstorm, entweder weil (angeblich) dem Willen der Basis nicht entsprechende Initiativen eingebracht wurden oder weil (angeblich) dem Willen der Basis entsprechende Initiativen nicht eingebracht wurden. Das wird niemandem auf Dauer großen Spaß machen.

Der spannendste Teil ist der dritte Fall, die Initiativen von Abgeordneten. Der Idealfall wäre, dass die Abgeordneten mit so vielen Initiativen aus der Basis gefüttert werden, dass sie gar keine Zeit mehr haben, eigene Initiativen zu entwickeln. Das wird aber nicht der Fall sein, wie die Erfahrung aus sämtlichen Piratenfraktionen zeigt. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass Abgeordnete über ihre Tätigkeit an andere Informationen gelangen als die Basis sie hat und dass sie diese vielleicht aus vielfältigen Gründen, unter anderem denen des Informantenschutzes, nicht so an die Basis weitergeben können. Das soll und kann aber nicht verhindern, dass auch die Abgeordneten verpflichtet sind, bei ihren Initiativen die Basis mit einzubeziehen. Das heisst also, dass sie der Basis die Möglichkeit geben müssen, auch bei diesen Initiativen mitzuarbeiten. Das setzt voraus, dass sie einerseits die Basis über ihre Initiativen informieren müssen und ihr auch die dafür notwendigen Informationen, die sie besitzen, zur Verfügung stellen. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit wird wiederum abgestimmt werden müssen und kann dann von der Fraktion eingebracht werden. Hier besteht kein zeitlicher Zwang, allerdings sollten die Ergebnisse zeitnah eingebracht werden, zeitliche Verzögerungen bei der Einbringung werden nicht zur Motivationssteigerung beitragen, vorsichtig formuliert.

 

Hier fehlt sehr bewusst das Recht, kleine und große Anfragen zu stellen. Einerseits gilt dafür das gleiche wie für Initiativen der Basis bzw. der Fraktion, andererseits braucht es für Anfragen kein Abstimmungstool, weil Anfragen für mich keine inhaltliche Positionierung beinhalten. Da geht es eher darum, Informationen zu sammeln, um zu dem Thema der Anfrage eine Positionierung erarbeiten zu können.

 

Die Kardinalfrage: wie geht das?

Ich denke, es dürften die meisten übereinstimmen, dass die alltägliche Zusammenarbeit online erfolgen wird. Weder die Abgeordneten noch die Basis werden die Zeit haben, sich wöchentlich zu treffen und über alles zu reden. Abgesehen davon wäre das wohl Zeitverschwendung, weil das Lesen von Vorlagen nicht in Präsenz geschehen muss. Das kostet nur Zeit. Telefonate werden zwar auch stattfinden, aber auch das geht nur sehr begrenzt. Allerdings sollten Gruppen, die zusammenarbeiten, sich auch in regelmäßigen Abständen, mindestens jährlich im Real Life treffen.

Je nach Art der Zusammenarbeit bestehen unterschiedliche Anforderungen an die zu verwendenden Tools. Eine Anforderung haben sie aber gemeinsam: für jedes Gebiet in jedem Parlament braucht es genau EIN Tool für den jeweiligen Zweck, das an einem zentralen Ort von allen Abgeordneten und der gesamten Basis genutzt wird. Noch besser wäre es natürlich, wenn das ganze parteieinheitlich wäre… Naja, man wird noch träumen dürfen.

 

Zusammenarbeit bei Vorlagen

Hier wird es in der Regel ausreichend sein, ein Feedback zur Abstimmung einzuholen. In Ausnahmefällen werden auch Änderungsvorschläge eingebracht werden können, aber die dürften in der Regel folgenlos bleiben. Wir werden ja allenfalls eine kleine Oppositionspartei mit dementsprechendem Stimmgewicht sein. Oder um es einmal realistisch zu formulieren: das Abstimmungsverhalten der Abgeordneten wird keinerlei Auswirkungen haben und kaum jemand wird das zur Kenntnis nehmen.

Als Tool kann jedes beliebige Abstimmungstool wie LimeSurvey, vMB oder ähnliches verwendet werden. Natürlich geht das auch mit Liquid Feedback, Pirate Feedback oder einem modifizierten BasDem.

 

Initiativen der Basis

Initiativen der Basis sollten potentiell von der ganzen Basis bearbeitet und dann von möglichst vielen Mitgliedern abgestimmt werden. Die Erarbeitungsprozesse dürfen nicht top-down gesteuert sein und müssen für jedes interessierte Mitglied jederzeit erreichbar und leicht aufzufinden sein. Des Weiteren muss es die Möglichkeit geben, alternative Vorschläge zu erstellen und diese gegeneinander abzustimmen.

Das schließt schon mal Ideen wie eine Erarbeitung von Vorschlägen in Pads und deren Abstimmung in einem einfachen Abstimmungstool aus. Es wird schlicht nicht möglich sein, über eine Vielzahl von Initiativen so zu informieren, dass die Informationsflut nicht in Vogonismus abgleitet. Damit wäre niemandem geholfen.

Als Bearbeitungstool kämen hier PirateFeedback, LiquidFeedback oder auch ein – allerdings deutlich erweitertes und verbessertes – BasDem in Frage.

Man könnte auch die dort erarbeiteten Ergebnisse in einem niederschwelligeren Abstimmungstool gegeneinander abstimmen, um eine höhere Beteiligung zu erreichen. Allerdings halte ich es für fraglich, ob die Abstimmungstools wirklich auch bei sehr häufigen Abstimmungen eine wesentlich bessere Beteiligung erreichen werden als die naturgemäß komplizierteren Erarbeitungstools.

Man kann sich auch die Frage stellen, ob eine höhere reine Abstimmungsbeteiligung zu einer niedrigeren Beteiligung bei der Erarbeitung führen wird, wenn dafür zwei verschiedene Tools genutzt werden und ob die höhere Abstimmungsbeteiligung den Preis der niedrigeren Beteiligung bei der eigentlich wichtigeren Erarbeitung wert wäre.

Zu diesen Ideen gehört auch die aktuell in Baden-Württemberg geborene Idee, zwar Initiativen online zu erarbeiten, dann aber per Briefwahl abzustimmen. Allerdings kann man sehr gut an dem Nutzen zweifeln. Zum einen führt diese Form der Auswertung zu einem deutlich höheren Aufwand: Es müssen für jede Abstimmung einzeln Abstimmungsunterlagen per Mail verschickt werden und das ganze muss dann auf Papier ausgewertet werden. Bei einer Beteiligungsquote, die bei der für vMB erwarteten (meiner Meinung nach höchst optimistischen) von 30% der Teilnehmer liegt, wären dann ca. 12000 Briefe auszuzählen. Bei jeder Auszählung. Wenn sich dadurch die Akzeptanz wie behauptet noch erhöhen würde, noch mehr. Viel Spaß, die Abgeordneten lassen dann mal jede andere Tätigkeit ruhen.

Zum anderen frage ich mich auch noch am Rande, wie man verhindern will, dass einzelne Spaßvögel Briefwahl- und Akkreditierungsunterlagen fälschen und dann versuchen, als jemand anders abzustimmen. Das würde zwar bei Doppelabstimmungen auffallen, allerdings wären dann beide Stimmen ungültig.

 

Initiativen von Abgeordneten bzw. Fraktionen

Der Knackpunkt ist hier die Informationsverteilung von den Abgeordneten an die Basis. Das setzt nicht nur voraus, dass die Abgeordneten die Informationen an die Basis weitergeben, sondern auch, dass die Basis eine Struktur hat, diese Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Deshalb wird die Zusammenarbeit hier meiner Meinung nach darauf hinauslaufen, dass die Informationen an die thematisch passenden AGs verteilt werden, die dann mit den Abgeordneten zusammenarbeiten. Hier hätten wir zumindest schon mal eine bundesweite Struktur zur inhaltlichen Arbeit. Es wäre zwar auch wünschenswert, wenn die Abgeordneten Informationen auch einzelnen Basismitgliedern zur Verfügung stellen würden, allerdings müssten sie dafür deren Interesse an bestimmten Themen kennen. Das dürfte rein praktisch kaum möglich sein, schließlich skaliert die verfügbare Zeit schlichtweg nicht, einfacher ist die Mitarbeit in einer AG.

Für die Abstimmung über das Ergebnis gilt grundsätzlich das gleiche wie für Initiativen der Basis. In diesem Fall wären allerdings einfache Abstimmungstools noch kritischer zu sehen, weil sie den Abgeordneten die Möglichkeit geben würden, durch die Art der Fragestellung das Ergebnis zu steuern.

 

Und die Bürgerbeteiligung?

Uff. Wenn man daran die gleichen Kriterien anlegen würde, wie für die Basisbeteiligung online, dann steht man vor einem ganzen Haufen Probleme, angefangen bei einer notwendigen Akkreditierung für Onlinetools über ich weiss nicht was noch alles. Aber ich würde mich dafür einsetzen, dass wir uns in einer Fraktion ernsthafte Gedanken dazu machen und evtl. auch Stellen dafür schaffen, die sich über solche Fragen Gedanken machen und Konzepte zur Umsetzung erarbeiten sollen. Denn dafür sind wir ja schließlich als Partei angetreten.

Böse Berater und der öffentliche Dienst

Heute ging es mal wieder um Steinbrück, seine Rednerhonorare und Gerüche bei der Vergabe von Beraterleistungen. Diesmal an Freshfields Bruckhaus Deringer. Der Name ist aber austauschbar, es hätte auch jede andere größere Kanzlei oder jede Beratungsfirma sein können.

Natürlich riecht es, wenn eine Kanzlei für Beratungsleistungen unter einem Minister ein paar Millionen Euro über ein paar Jahre verdient. Andererseits ist es so viel es auch wieder nicht, wenn man sich das ganze im Verhältnis anschaut:

  • 1 Stunde Anwalt dürfte mit ca. 230 € zu Buche schlagen, vielleicht auch mehr, ist aber egal. Das macht gerundet 1800 €/Tag.
  • Der Gesamtbetrag waren ca. 1,9 Mio €, das macht ca. 1000 Anwaltstage über 4 Jahre (2005-2009, die Amtszeit Steinbrücks).
  • Das ergibt im Schnitt 250 Tage pro Jahr. Das ist etwas mehr als das, was man für eine Vollzeitstelle (ca. 220 Personentage) ansetzt

Im Endeffekt hat man also nur eine Vollzeitstelle eingespart und durch Anwälte ersetzt. Dabei müsste das ja eigentlich nicht sein, Juristen gibt es genug im Finanzministerium. Etwas verblüffender wird die Rechnung allerdings, wenn man eine grobe Vergleichsrechnung mit internen Kosten aufmacht:

  • Ein Beamter, Volljurist, Höherer Dienst, Vergütungsgruppe A14 (in etwa vergleichbare Qualifikation wie ein jüngerer Anwalt) kostet grob überschlagen ca. 80.000 €. Pro Jahr.
  • Auf vier Jahre gerechnet: 320.000 €.
  • Wenn man jetzt eine etwas geringere Effizienz eines Beamten ansetzt (nicht weil er schlechter arbeitet, sondern weil noch interner Aufwand an Selbstverwaltung hinzukommt) bräuchte man vielleicht zwei Beamte.
  • Die Gesamtkosten belaufen sich damit auf 640.000 €.
  • Das ist 1/3 der Kosten der Auslagerung in eine externe Kanzlei.

Warum tut man sowas dann? Dafür gibt es gewöhnlich verschiedene Begründungen:

  • Die Verwaltung findet keine qualifizierten eigenen Mitarbeiter.
    Dieses Argument ist in diesem Fall und bei Juristen im allgemeinen nicht zutreffend. Bei technischen Beratern ist es wahrscheinlicher.
  • Externe Berater sind flexibler
    Das mag stimmen, aber ob man dann auch die Berater mit der speziellen Qualifikation kriegt, die man so spontan braucht, ist eher zweifelhaft. Jedenfalls beisst sich dieses Argument logisch gesehen mit dem ersten: wenn es nicht viele Spezialisten zum eigenen Problem gibt, sind diese in der Regel auch nicht kurzfristig verfügbar.
  • Externe Berater sollen keine dauerhaften Stellen ersetzen, sondern werden nur kurzfristig eingesetzt.
    Das stimmt nur für den kurzfristigen konkreten Einsatz, in aller Regel sind Ministerien so unterbesetzt, dass Berater dauerhaft im internen Einsatz sind. Und zwar in der Regel die immergleichen Personen, die allenfalls die Aufgabe wechseln.

Warum tut man das also?

Der Hintergrund ist so trivial wie unschön. Es geht um – HAUSHALTSPOSTEN. Ja, genau, so trivial ist die Erklärung. Personalkosten sind – welch Wunder – Personalkosten, während Beraterkosten als „Sachkosten“ anfallen. Zusätzliche Personalstellen müssen aber – jetzt wird es lustig – vom Bundesfinanzministerium (s.o.) genehmigt werden. Das geschieht aber in aller Regel nur im „Tausch“ gegen wegfallende andere Stellen, andernfalls werden sie abgelehnt. Es gibt nämlich eine Vorgabe des XXX – jetzt dürft ihr raten, die Auflösung steht unten [1] – pro Jahr 1,5% der bestehenden Stellen in der Bundesverwaltung abzubauen. Das bezieht sich aber nur auf die Stellen, nicht auf das Gesamtbudget der Verwaltung.
Das wäre an sich nicht schlimm, wenn gleichzeitig auch die Aufgaben der Verwaltung im gleichen Maße abgebaut würden. Genau das geschieht aber nicht, es werden vielmehr zusätzliche Aufgaben erfunden.
Was sind also die Auswirkungen der „Sparmaßnahmen“:

  • Stellen in Behörden werden zugunsten externer Berater abgebaut
  • In gleicher Zahl werden externe Berater beschäftigt, allerdings zu deutlich höheren Kosten
  • Die Ausgaben sinken nicht entsprechend der Sparvorgaben, sondern steigen
  • Die Verwaltung müsste für das Controlling der externen Berater ca. 1/3 der Kapazität der Berater vorhalten, die auch eine ähnliche Qualifikation besitzen müssten. Dieses Personal steht aber gewähnlich nicht zur Verfügung, so dass das Controlling der Berater in eher bescheidenem Umfang stattfindet. Bis der Rechnungshof mal meckert.
  • Die Verwaltung wird in zunehmendem Maße abhängig von externen Beratern, die – und hier kommen wir wieder zu Steinbrück – direkten Einfluss auf die politische Führung des jeweiligen Ministeriums nehmen können. Und dies geschieht auch regelmäßig.

[1] Richtig, das Bundesministerium der Finanzen

Oups.

Ein Verein, ob eingetragen oder nicht, ist eine tolle Sache. Man kann mit Satzungen spielen, Pöstchen verteilen, beliebig Leute reinlassen oder nicht, ohne dass man jemandem Rechenschaft schuldig ist und alles als Position beschließen und als Pressemitteilung verteilen, wonach einem gerade ist.

Nicht ganz so gut ist das aber, wenn man einen Verein, nennen wir ihn Frankfurter Kollegium neben einer Partei (also man hätte ihn gern in der Partei, geht aber wegen der Satzung der Partei nicht) gründet. Dann hat man nämlich plötzlich ein kleines Problem an der Backe, das man bei einer innerparteilichen Gruppe nicht hat: die blöde Loyalitätspflicht gegenüber seiner Partei.

Mal kurz ausgeholt: eine Partei zeichnet sich nach dem Parteiengesetz dadurch aus, dass sie ein Zusammenschluss von Menschen ist, die Politk mit mehr oder weniger der gleichen Zielrichtung betreiben. Ab und zu gibt es Meinungsunterschiede, dann gibt es eine Abstimmung und dann ist gut. Eine Richtung hat „gewonnen“ und die andere verloren, that’s democracy. Danach muss die Partei aber gemeinsam nach außen die Mehrheitsmeinung vertreten. Nach innen darf sie gerne weiter streiten. Schließlich sind Parteien ja keine Diktaturen und die „Basta“-Mentalität ist nicht wirklich das, was man sich als Idealzustand einer Demokratie vorstellt. So weit, so gut.

Das heißt aber im Umkehrschluss, dass der „unterlegene“ Flügel nicht nach außen permanent die Beschlüsse der Mehrheit in Frage stellen darf, weil ansonsten ja der Eindruck entstehen könnte, dass die Partei doch keine einheitliche Position vertritt und wenn so etwas gehäuft auftritt, ist das sicher nicht gut für die Außendarstellung. Weil man dann ja in Zweifel ziehen könnte, ob die Partei sich überhaupt auf irgendeine Position noch einigen kann. Wie schlecht sowas in der Öffentlichkeit ankommt, kann man gerade bei der Bundesregierung bewundern. Und eine Partei ohne einheitliche Positionen nach außen ist irgendwie ja nicht wirklich eine Partei, siehe oben.

Das sieht übrigens auch der Bundesvorstand der Piratenpartei in einem gerade laufenden Parteiausschlussverfahren (ohne Bezug zum Frankfurter Kollegium) so und hat diese Argumentation in dem Verfahren vorgebracht.

Wieder zurück zum Verein. Das hat jetzt für den Verein zur Folge, dass er sich nicht abweichend zur Partei zu Fragen positionieren darf, zu denen die Partei eine Position beschlossen hat und die von der gewünschten Position des Vereins abweicht. Also das darf der Verein natürlich, nur eben die Mitglieder des Vereins, die auch Mitglieder der Partei sind, dürfen das nicht öffentlich vertreten. Das dürfte umso mehr gelten, wenn der Verein nicht nur aus beliebigen Mitgliedern besteht sondern auch noch aus Vorständen ebenjener Partei, deren Positionen er nicht besonders schätzt. In der Konsequenz darf sich der Verein also Lücken suchen, wo es noch keine Positionen gibt und dort arbeiten und Beschlüsse treffen und Positionen finden.

Aber ganz ehrlich: braucht es DAFÜR wirklich einen Verein?

Die Twitter-Filter der Parteien und was das mit Google und Facebook zu tun hat – Teil I

In den letzten Tag ging es auf Twitter rum und rund: die CDU und die SPD nutzen spezielle Event-Seiten von Twitter. Bei denen wird festgelegt, welche Inhalte über den Dienst verbreitet werden. Die SPD hat laut Konrad Lischka (SPIEGEL Online, @klischka) zugegeben, selbst eine Liste von Personen ausgesucht zu haben, deren Tweets auf der „offiziellen“ Seite auftauchen durften, während andere Tweets mit demselben Hashtag nicht angezeigt, ergo rausgefiltert, wurde [1].

Nun könnte man sagen „wer die Musik bezahlt, bestellt sie auch“, Twitter ist nun mal ein privater Dienst und damit ist alles in Butter. Kann man, muss man aber nicht. Denn eigentlich steht die Diskussion in einem größeren Zusammenhang, zu dem auch das Problem Google und das meiner Meinung nach noch viel größere Problem Facebook gehören: Es geht um die Frage der Herrschaft über die Kommunikation im digitalen Zeitalter.

Dazu hole ich mal ein wenig aus, auch wenn Euch das eigentlich allen klar ist.

Früher war alles ganz einfach. Man hat einen Brief, später ein Fax oder eine SMS geschrieben, der wurde von der Post, Telekom oder einem Mobilfunkprovider an den Empfänger gebracht und der Absender hat dafür bezahlt. Dem Übermittler der Information war egal, was drin stand auch (wenn nicht war es ein totalitäres Regime oder es gab ein rechtsstaatliches Verfahren) und alle Informationen erreichten den Empfänger relativ zuverlässig und gleich schnell oder langsam.

Jetzt wird alles anders. Die digitale Kommunikation bietet die Möglichkeit, ohne gigantischen Aufwand zu vernachlässigbaren Kosten die Informationsübermittlung zu steuern. Der Übermittler kann also steuern, ob die Information schnell oder langsam bei dem Empfänger ankommt, ob nur bestimmte Personen Informationen senden dürfen oder ob nur bestimmte Personen Informationen empfangen dürfen. Und damit erlangt der Übermittler von Informationen die Macht die Macht über den Kommunikationsprozess.

Und sie tun es jetzt schon. Facebook filtert Statusanzeigen, so dass man nur noch Bruchteile der Statusmeldungen der eigenen „Freunde“ zu sehen bekommt. Wer wählt sie aus? Facebook. Nach welchen Kriterien? Man weiß es nicht, aber wenn man doch von allen gesehen werden will, muss man zahlen. Man könnte es auch Erpressung nennen: entweder Du zahlst oder Du kommunizierst nur das, was wir wollen. Wenn man noch das Ziel von Facebook sieht, dass die Kommunikation, insbesondere alle Suchanfragen, nur noch über Facebook laufen soll, ist das ein eher unerfreuliches Konzept der Kommunikationsregulierung.

Google sortiert nach seinem Algorithmus die Suchergebnisse nach einer mathematisch berechneten Relevanz. Bisher sind davon aber noch bezahlte Anzeigen ausgeschlossen, möglich wäre es aber.

Und schließlich filtert Twitter Tweets. Das war schon bekannt, jetzt lässt sich Twitter aber wohl auch noch dafür bezahlen, dass sie Informationen nach Kriterien filtern, die von anderen vorgegeben werden.

Und wo ist das Problem?

Das Internet basiert nahezu ausschließlich auf Infrastrukturen, die in der Hand privater Unternehmen sind. Für die genutzten Kommunikationsdienste, insbesondere über das WWW, gilt dies nahezu ausschließlich, jedenfalls wenn man die Reichweite betrachtet. Das war und ist solange kein Problem, wie die privaten Unternehmen sich ausschließlich auf den Transport von Informationen unabhängig von ihrem Inhalt beschränkt haben. Inzwischen steuern sie aber die Informationen und das wird zu einem immer größeren Problem, je mehr sich der öffentliche Diskurs von der „realen Welt“ in die digitale Polis verlagert.

Morgen dann Teil II – Was man so juristisch tun könnte

[1] Das ist bestimmt total verkürzt und unter Umständen auch in den Details nicht zu 100% richtig, genügt aber für die Aussage des Texts. Es geht hier schließlich nicht um das Filtern durch die Parteien.

Update: Die @miinaaaa hat auch was zu den Event-Pages geschrieben, hier ihre Sicht der Dinge http://klingtkomischistaberso.wordpress.com/2012/12/09/interwebz-wir-mussen-reden/

Eine gröblichst groteske Geschichte

Bevor irgendjemand die schröckliche Wahrheit aufdeckt, schreibe ich sie lieber selbst auf. Hier also mein Geständnis *tränenabwisch*

Ja, es ist wahr. Der LV Berlin hat mich als subversives Element nach Hessen beordert, um den dort reibungslos und konstruktiv arbeitenden LV zu spalten und mit dem Einsatz von Liquid Feedback den Berlinern Untertan zu machen.

Der fiese Geheimplan war der: ich soll mich in einen unauffälligen KV einschleichen, Kontakt zu den Einheimischen aufnehmen, daneben Kontakt zur Höchster Verschwörung aufbauen, um mich in ein möglichst bedeutungslos klingendes, aber in Wahrheit mächtiges Amt wählen zu lassen.

Bis hierhin hat alles wunderbar funktioniert.

Die nächste Etappe wäre die Durchsetzung von Liquid Feedback in einer abgeschwächten Version, so dass der dann hilflose LV Hessen von sich aus ein Klarnamensliquid einführt und mich (natürlich als hörige Marionette der Berliner) zum König auf Lebenszeit ernennt.

Wie es scheint, steht der Geheimplan auf der PPH gerade vor der Entdeckung, daher möchte ich mich hier in aller Form beim LV Hessen entschuldigen und von dieser Verschwörung lossagen.