Ein Gespenst geht um, mal wieder, es geht um Sterbehilfe. Eine Diskussion, die uralt ist und bisher nicht befriedigend gelöst. Und die wahrscheinlich auch nie befriedigend gelöst werden wird. Ganz einfach, weil es kein richtig und kein falsch geben kann und es sich letztlich um Abwägungen zwischen verschiedenen, jeden für sich mehr als berechtigten Aspekten handelt. Wenn man einmal die religiösen Aspekte ausnimmt, denen ich zwar die Berechtigung nicht absprechen möchte, die aber einer Abwägung per se nicht zugänglich sind.

Im Kern geht es um die Frage, ob jeder Mensch für sich entscheiden darf, wann er möchte, dass sein Leben endet (die Frage, ob ein Mensch sein Leben beenden darf, ist juristisch entschieden: Selbstmord ist in Deutschland straflos. Das ist nicht überall und war nicht immer so). Damit fallen schon mal alle die Fälle aus der Diskussion heraus, in denen jemand noch selbst in der Lage ist, sich zu töten und das tut – auch wenn die Person Unterstützung von anderen, z.B. durch sog. Sterbehilfevereine erfährt. Es geht also nur um die Frage, ob ein Mensch legal die Hilfe anderer zum Sterben in Anspruch nehmen darf. Da ich Jurist bin und aus dieser Haut nie vollkommen raus komme, stelle ich erst einmal die geltende Rechtslage dar, sie betrifft eigentlich nur das Strafrecht. Die dürfte verdeutlichen, warum die Diskussion mit schöner Regelmäßigkeit aufkommt.

Aktive Sterbehilfe – passive Sterbehilfe

Das deutsche Strafrecht kennt die Abgrenzung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe. Aktive Sterbehilfe ist das, was man gemeinhin mit Sterbehilfe assoziiert: jemandem Gift (auf dessen Wunsch!) einflößen (oder vergleichbare Methoden). Diese ist im Grundsatz verboten. Passive Sterbehilfe ist hingegen eine Maßnahme, die selbst nicht direkt zum Tode führt, sondern dessen Eintreten beschleunigt. Der Sterbewillige stirbt also von selbst ohne fremde Hilfe. Die Grenze zwischen beiden Varianten sieht ja eigentlich schön klar aus. Ist sie aber nicht. Deshalb kommt die Diskussion immer wieder.

Die Grauzonen

Nicht eindeutig sind die Fälle, in denen jemand im Sterben liegt (was ein denkbar dehnbarer Begriff ist…) und unter Schmerzen leidet. Dem gibt man Morphium, eines der wirksamsten Schmerzmittel überhaupt, das die Nebenwirkung hat, dass es in hoher Dosierung tödlich wirkt, jedenfalls aber das Leben verkürzt. Die Dosierung wird wegen steigender Schmerzen erhöht und irgendwann stirbt der Patient. Das Schmerzmittel wird aber nicht zur Tötung verabreicht, sondern um Schmerzen zu lindern – das ist legal. Um wieviel sich das Leben genau verkürzen darf – das ist einzelfallabhängig, es kann auch niemand vorhersagen. Die Grenze zur aktiven Sterbehilfe ist hier fließend – schließlich entscheidet in solchen Situationen nicht der Sterbende, ob er mehr Morphium möchte, dazu ist die Person in diesem Stadium häufig nicht mehr in der Lage. Für ihn entscheiden meist Angehörige zusammen mit Ärzten. Eigentlich handelt es sich schon um einen Fall aktiver Sterbehilfe, die juristische Argumentation vermeidet diese Feststellung mit dem Argument, Ziel sei ja Schmerzbehandlung und nicht Sterbehilfe. Dass die Dosierung in solchen Fällen auch unter Umständen höher ist als sie sein sollte – darüber wird der Mantel des Schweigens gebreitet.

Eine andere Fallgruppe ist das Abschalten von lebenserhaltenden Geräten bzw. der Verzicht auf eine weitergehende Heilbehandlung. Auch das ist – mit Einwilligung des Patienten bzw seiner Angehörigen – zulässig, auch wenn es zum Tod führt. Die Geräte muss nicht der Patient selbst abschalten, das tun andere (das liegt in solchen Fällen in der Natur der Sache). Das gilt übrigens auch, wenn die Patienten vorher eindeutig den Willen geäußert haben, dass sie derartige lebensverlängernde Maßnahmen nicht wollen. In die gleiche Kategorie gehören Fällen, in denen der oder die Sterbende zu erkennen gegeben haben, dass keine Reanimation gewünscht ist. Nicht in diese Kategorie gehören Fälle, in denen die Vitalfunktionen der Person noch ohne Geräte funktionieren, also das Herz schlägt und die Patienten selbst atmen.

Als Ergebnis kommt raus, dass Sterbehilfe jetzt schon legal sein kann, wenn

  • die sterbewillige Person selbst für den Tod sorgt oder
  • die Person sowieso schon im Sterben liegt und der Vorgang beschleunigt wird oder
  • das Leben der Person nur maschinell unterstützt möglich ist und sie dies abgelehnt hat oder
  • eine Person Reanimation eindeutig abgelehnt hat.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass nicht-natürliches Sterben immer dann legal ist, wenn ein Mensch entweder selbst für seinen Tod sorgt, er sowieso im Sterben liegt oder eindeutig seinen Willen kund getan hat, dass er kein maschinell unterstütztes Leben wünscht. Zumindest die Fälle des Abschaltens lebenserhaltender Maßnahmen und der lebensverkürzenden Schmerzbehandlung könnte man auch schon als aktive Sterbehilfe bezeichnen. Wo genau die Grenze zwischen legalem und illegalem Handeln verläuft, ist sehr stark einzelfallabhängig.

Und das stört niemanden?

Eigentlich führt die gegenwärte Nicht-Regelung der Sterbehilfe nur deshalb nicht zu größeren Problemen, weil keine Öffentlichkeit herrscht. Dies gilt nicht nur für die Unsicherheit, was genau erlaubt ist, sondern auch dafür, dass Ärzte tatsächlich zu den Herren über Leben und Tod geworden sind, was die Gegner der Sterbehilfe eigentlich vermeiden wollen. Es führt aber auch dazu, dass – dafür gibt es naturgemäß keine statistischen Erhebungen – nicht wenige Menschen wider ihren Willen „leben“ und dies (selbst) nicht ändern können.

Und morgen geht es weiter…

Was denkst du?